Stuttgart, letzter Tag: Der Fernsehturm und Gott

WP_001319 (1)

Die Aussicht vom Fernsehturm ist sehr anregend. Vor allem dann, wenn man anschließend theologische Diskussionen führt.

WP_001316 (1)
Unser letzter Tag sollte mit dem Höhepunkt jedes Stuttgartbesuches enden: Dem Fernsehturm. Wer auf den Fernsehturm hochfährt, der ist 217 Meter näher am Himmel. Das ist mehr als man denkt. Vor allem dann, wenn man von oben nach unten guckt. Also: Höherer Höhepunkt geht kaum. Der Aufzug rauscht in ein paar Sekunden hoch, zack, steht man auf der Plattform. Haben wir gemacht und schön, schön gedacht, als wir in die Landschaft geguckt haben. Ich war ein bisschen besorgt, wegen der ganzen Kinder, die ihre Handys durch das Gitter strecken. Wenn das jetzt runter fällt?
Anschließend verbringen wir eine vergnügte Viertelstunde im Fernsehturmshop. Laus kann den Holz-Fernsehturm für Kinder nicht zusammenbauen, Ichael schon. Aber der ganze Krempel ist eigentlich zu teuer.
Um uns von der Höhenluft zu erholen, fahren wir gleich in das Kunst-Café der Feinbäckerei Gant in der Gerokstraße. Das ist nicht weit von der Villa Reitzenstein, in der Winnie Kretschmann rägiert. „Rägieren“ ist schwäbisch für „regieren“.
Gant innenAls Band sind wir ja stets bemüht, uns in aktuelle Debatten einzumischen und sie in die richtige Bahn zu lenken. Die Nähe zum Himmel auf dem Fernsehturm hat uns über den Umweg Sozialstaat angeregt über die Existenz Gottes zu disputieren. Ichael vertritt den persönlichen Gott der katholischen Kirche und empfiehlt mir dies auch zu tun, falls ich einen Platz im Himmel haben wolle. Ich aber lasse mich nicht einschüchtern und lehne einen persönlichen Gott ab. Ich lese ihm ein Zitat des Theologen Rudolf Blutmann vor: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“ Dann begebe ich mich auf Bultmanns Spuren und deute Jesu Auferstehung anhand der Emausgeschichte als die Weitergabe seiner Botschaft. Gott deute ich mit der Schöpfungsgeschichte als Chiffre dafür, dass wir Menschen nicht alles wissen, nie wissen können und vielleicht auch nicht sollten. Gotteserfahrungen, bringe ich noch in das Gespräch ein, wären dann Erlebnisse, bei denen dieses Geheimnis sichtbar wird. Etwa, wenn jemand einen schweren Unfall unverletzt überlebt. Man weiß es vorher nicht. Beten wäre dann demütige Selbsterinnerung an unsere Unwissenheit.
Und weil Laus und Ichael immer noch so erwartungsvoll gucken, mache ich noch ein bisschen weiter. Die katholische Kirche hat insofern recht, dass sie an bestimmten Dogmen festhält: Der Mensch ist nicht alles. Die Protestanten haben recht, insofern sie die Botschaft entmystifizieren.
Kann sein, dass durch die Nähe der Villa Reitzenstein katholische Vibes von Winnie Kretschmann auf uns eingestrahlt haben. Man weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Jedenfalls sind wir sehr zufrieden mit unserem Diskussionsergebnis. Also ich jedenfalls. Ich weiß nicht so genau, wie ich die Gesichter von Laus und Ichael deuten soll.
Laus lenkt das Gespräch auf Profaneres. Ennis, sagt er, habe morgen Geburtstag, wir sollten ihm gratulieren: „HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, ENNIS!“
Außerdem habe er übermorgen die Disputation zur Verteidigung seiner Doktorarbeit, dafür sollten wir ihm viel Erfolg wünschen: „VIEL ERFOLG, ENNIS!“ Anschließend versuchen wir uns zu erinnern, was denn nun das Thema von Ennis Doktorarbeit war. In mühevoller Erinnerungsrekonstruktion kommen wir zu folgendem Ergebnis: Es war irgendwas mit elektronischen Medien und dem Internet. Ichael ergänzt noch: „Ich weiß es schon, kann es aber nicht mehr richtig erklären, ich frage ihn nochmal.“
Dann brechen wir ein letztes Mal in das Hostel am Alex 30 auf, um unser Gepäck zu holen. Und jetzt kapiere ich, dass das riesengroße Bild im Eingang Alexander den Großen darstellt. Und nach ein paar weiteren Minuten kapiere ich, dass er der Namensgeber der Straße und des Hostels ist. Ich fühle mich erleuchtet. Nicht jedes Geheimnis bleibt gewahrt. Wenn ich die Bemerkungen von Laus und Ichael richtig deute, haben sie das schon am Montag kapiert. Kann ja jeder sagen.
Ichael gibt ein bisschen mit seiner humanistischen Bildung an und erzählt uns auf dem Weg zum Bahnhof, dass Alexander der Große ja in Babylon gestorben sei. Daraufhin singen wir ein paar Rastafari-Lieder rund um das Thema Babylon.
Der Bahnhof in Stuttgart wirkt danach auf mich wie der Pausenhof der babyloner Gemeinschaftsschule mit Polizisten als Aufsicht. Wir verabschieden uns. Und ab die Post.

Schluss.

Advertisements

Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
Dieser Beitrag wurde unter Bildungspolitik, Popkultur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s