Schmerz gehört dazu

Die kurzen lockigen Haare des drahtigen Arztes sind cäsarisch ergraut. Er hat seine randlose Brille in sie hinauf geschoben. Da steht er im Atrium der anthroposophischen Klinik und erwartet all die mehr oder weniger jungen Paare wie ein Dirigent sein Orchester. Der Simon Rattle der Gynäkologie, denke ich. Die Frauen sind schwangerschaftsrund, die Männer auf der Hut wie scheue Kleinprimaten. Kreißsaalbesichtigung für werdende Eltern.
Bilder_Kreißsaal_16.02.11_02„Ja, hallo“, sagt der Arzt sanft und wartet verklärt lächelnd bis die künftigen Eltern kapiert haben, dass dies das Zeichen zur Stille war. „Ja, hallo nochmal“, haucht der Arzt. Und dann schaut er sich sinnend um. Die Hand am nachdenklich am Kinn. „Wie schön“, sagt er, „wie schön, dass Sie heute, den Weg zu uns gefunden haben.“ Jetzt holt er seine randlose Brille aus den Locken und setzt sie sich weit vorn auf die Nase. Dann zieht er mehrere Zettel aus seiner Tasche und liest sie ernst. „Ich möchte sie alle mit einem uralten, afrikanischen Epitaph begrüßen.“ Er macht eine ausholende eurhythmische Armschwingung, die in eine Pause übergeht.Versonnen schaut er auf seinen Zettel.
„Ich muss aufs Klo“, ächzt meine Frau, „dieses Kind drückt mir derart auf die Blase!“ Sie steht auf und drückt sich vorbei an anderen werdenden Müttern, die ihre dicken Bäuche aus dem Weg schwenken.
„In Leidenschaft gezeugt“, schmettert der Arzt plötzlich theatralisch drauf los. Die Schwangere neben mir zieht erschrocken Luft ein und legt die Hände auf den Bauch.
„Im Schmerz geboren,
In Liebe geborgen.“
Dann wieder eine Pause. Der Arzt senkt langsam den Zettel und schiebt synchron dazu die Brille in die Locken. „Ja liebe Eltern“, haucht er, „um ein Wort von Hilde Domin zu zitieren: „Die Liebe sitzt in der Sonne, auf einer Mauer und räkelt sich.“ Und sie, liebe künftige Mütter tragen jetzt ihre Frucht in sich, wie schön das ist!“
Der, denke ich, hat einen Knall. Hinter mir rauscht das Klo. Da wird wohl bald meine Frau zurück sein. Und dann fängt er an, davon zu reden wie schön eine Schwangerschaft sei, eine so bereichernde Erfahrung. Die dicken Frauen stehen wieder auf, meine Frau kommt zurück und setzt sich stöhnend. Und die Geburt, sagt er, das sei die Krönung dieser so bereichernden Erfahrung, und eben diese solle in seiner Klinik so natürlich wie möglich gestaltet werden. Ja, sagt er, natürlich. Und der Schmerz, er macht wieder eine Pause und nimmt die Paare fest in den Blick, sei natürlich, ein integraler Bestandteil der natürlichen Geburt. Ohne Schmerz, kein Leben. Eine verunsicherte, sehr junge Mutter fragt mit bebender Stimme, ob hier auch PDAs gelegt würden. Das ist eine Methode bei der direkt über die Wirbelsäule betäubt wird. Habe ich erst kürzlich gelesen. Der Arzt windet sich theatralisch. „Wir können das selbstverständlich machen“, sagt er gequetscht, „aber wenn es sich vermeiden lässt, verzichten wir darauf.“ Jetzt schaut er die junge Frau ernst an und kostet jedes einzelne Wort gründlich aus: „Der Schmerz gehört dazu.“ Meine Frau beugt sich zu mir: „Ich muss schon wieder…“
Es gäbe auch ganz andere Möglichkeiten viel schonenderer Schmerzlinderung. Die Badewanne etwa. Den Gebärsessel. Der nutze die Schwerkraft, das sei das natürlichste überhaupt. Ich muss an den Kardinal Inquisitor aus „Galileo Galilei“ denken: „Zeigt ihm die Instrumente!“
„Musik“, reißt mich der Arzt jubilierend aus meinen Gedanken, „Musik!“ Jetzt singt er gleich. Aber nix. „Musik kann ein therapeutischer Helfer sein, bringen sie ihre Musik mit, lassen sie sich von ihr tragen. “ Der werdende Vater vor mir, trägt ein T-Shirt auf dem eine Art Zombie zu sehen ist, auf den wohl gerade ein Säureattentat verübt wurde. Er zerläuft in Blut und Schleim. Darunter steht in brennender Nazi-Schrift „Anthrax“. Ein Böse-Band-T-Shirt. Wenn der seine Musik in angemessener Lautstärke bei der Geburt aufdreht, denke ich, dann hat das totsicher eine anästhesierende Wirkung. Diese Art von Musik setzt ja die Lähmung sämtlicher Sinne praktisch schon voraus.
Der Arzt redet noch eine Weile. Über den Schmerz und über Rudolf Steiner. Dass er ausgebildeter Geburtshelfer und Gynäkologe ist. Dann wieder über Rudolf Steiner, und dass es schon wichtig sei, dass er uns etwas bedeute.
Später torkeln wir durch die Entbindungsabteilung. Alles sehr schön. Holz, Batik, runde Ecken, anthroposophische Vibes. Und der Schmerz, den die Instrumente senden.
„Ich gehe lieber wohin, wo sie gleich PDA machen“, sagt meine Frau als wir nach Hause fahren, „ohne vorher Musik hören zu müssen.“
„Okay“, sage ich und bin erleichtert.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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4 Antworten zu Schmerz gehört dazu

  1. kat+susann schreibt:

    Schade, dieser abgehobene Geburtshelfer hat es euch vergraust. Immerhin plant ihr keinen Kaiserschnitt. Eine Geburt ohne oder mit wenig Schmerzmittel ist tatsächlich ein Erlebnis, auch wenn es böd klingt. Ich hatte damals eine tolle Geburtsvorbereiterin, die sprach von Schmerzwellen, die abebben und dann hat Frau sie vergessen(stimmt, bis die nächste anflutet, aber dann weisst du das sie vergeht),sie sprach von Endorphinausschüttungen, besser als beim Bergsteigen, auch das stimmt, krasse Erfahrung. Aber es entscheidet jede für sich, und nun ja, eine PDA ,….Euch alles Gute! Und wenn das Baby da ist, ist der Schmerz vergessen. Endorphine tragen euch dann weiter! Grüsse Kat.

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