360xGeorgeClooney – der neue Bildungsplan

Ich bin total fertig mit den Nerven. Und wenn ich noch einmal das Wort „Operator“ höre, dann drehe ich durch. Bei dem Wort „Operator“ taucht vor meinem inneren Auge immer George Clooney auf, wie er durch „Emergency Room“ hetzt. Aber eigentlich war ich nur beim Fachtag zum Bildungsplan 2016. Und es hatte alles so gut angefangen.
Der Bildungsplan 2016 sei kompetenzorientiert, sagt die schicke Schulamtsfrau mit der PowerPoint Präsentation. Kompetenz ist immer gut, denke ich. Das hat nämlich auch mal ein Schulleiter zu mir gesagt: „Wissen Sie Herr Buchholz, wir wollen hier Kompetenz kommunizieren, da wäre es schon ganz gut, wenn Sie sich wenigstens das Hemd in die Hose schieben.“ Der neue Bildungsplan, sagt die Frau, sei abschlussorientiert. Darum seien die Kompetenzen auf drei Niveaustufen dargestellt: Grund-, Mittel- und Erweitertes Niveau. Logo, denke ich: Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Ich spüre förmlich, wie über meinem Kopf eine Glühbirne aufleuchtet. Am Anfang hatte ich mich noch verlesen und mich gefragt, was wohl „Nivea-Stufen“ sein könnten? Cremig, cremiger, am cremigsten?Niveaucreme
Na gut, denke ich, das Wesentliche weiß ich ja jetzt.
In der Kaffee- und Brezelpause rede ich mit einer Frau vom Schulamt. Sie erklärt mir, dass der Bildungsplan, in den ich gerade eingeführt werde, nur für Haupt- und Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen gelte. Das Gymnasium habe einen eigenen Bildungsplan. Auch mit Niveaus, die einerseits gleich, andererseits aber auch anders seien. Manche, taucht ein Zitat in meinem Kopf auf, sind halt gleicher als gleich. Von wem war das doch gleich? Guido Wolf? Orwell?
Dann gehe ich in einen Workshop. Für Geisteswissenschaften. Geschichte, Geographie und Politik. Der Referent sagt, dass der neue Bildungsplan ganz toll und extrem hilfreich sei.
Es gäbe die drei Niveaustufen. Ich nicke. In jedem Fach, sagt der nette Mann, gäbe es auf diesen drei Niveaustufen genau beschriebene Teilkompetenzen. Und die Teilkompetenzen wiederrum, würden durch handlungsleitende Verben, den sogenannten „Operatoren“, beschrieben. Die Operatoren wiederum teilten sich in drei Anforderungsbereiche auf: erstens „Reproduktion“, zweitens „Reorganisation“ und drittens „Transfer“. Na, denke ich, dann ist ja alles glasklar: Hauptschulabschluss, Mittlerer Bildungsabschluss und Abi. So ein toller Bildungsplan.
„Heißt das“, fragt der Teilnehmer, der wie ein Nörgler aussieht, Hauptschüler dürfen nur noch Reproduzieren, Realschüler nur Reorganisieren und Gymnasiasten dauernd transferieren?“
Da tritt nachdenkliche Stille ein. „Kann ein Hauptschüler denn nicht auch auf seinem Niveau reorganisieren und transferieren“, macht der Nörgler ungefragt weiter. „Tja“, sagt der nette Fachberater etwas ratlos.
Dann gucken wir die Operatoren genauer an und verhaken uns in der Diskussion, wo denn nun der Unterschied zwischen „erläutern“ und „erklären“ liegt und ob es eigentlich „erläutern/erklären“ auf Hautschul-, Realschul- und Gymnasialniveau gibt und ob das im Bildungsplan irgendwo definiert ist? „Ist es nicht“, sagt der nette Fachberater nachdenklich. Dann finden wir heraus, dass es für jedes Fach eine eigene Operatorenliste gibt und dass in Deutsch oder in Mathe „erläutern/erklären“ nochmal ganz anders definiert wird. „Das wären“, sagt der Nörgler, „neun Anforderungsbereiche pro Operator, drei für jedes Niveau, was bei einer Liste von zwanzig Operatoren 180 Definitionen machen würde.“ Hat der Mathe studiert, oder was, denke ich gehässig. Der versaut mir den ganzen schönen Bildungsplan!
Da meldet sich der Mann vom Schulbuchverlag. Er sagt, dass die Schulbuchverlage bei den Büchern für die nicht-gymnasiale Sekundarstufe beim E-Niveau nicht vom echten Gymnasialniveau ausgingen. „Das ist eher eine Art erweitertes M-Niveau“. Da nicken die zwei anwesenden Gymnasiallehrer. „Das stimmt“, sagt der eine. „Der Bildungsplan für das Gymnasium hat ja auch drei Niveaustufen, aber anspruchsvoller irgendwie“, sagt der andere. Jetzt meldet sich der Gemeinschaftsschullehrer: „Heißt das, ich brauche weiterhin wenigstens zwei Schulbücher?“ Der Fachberater macht eine unbestimmte Kopfbewegung. Aber der Gemeinschaftsschullehrer fährt fort: „Ein Buch mit dem ich die drei Niveaus für den Bildungsplan Sekundarstufe abarbeiten kann und ein Schulbuch mit dem ich die drei Niveaus für das Gymnasium abarbeiten kann, auf, äh …“ Man sieht, dass er rechnet. „… auf sechs Niveaus mit je drei Anforderungsbereichen für die Operatoren, also insgesamt mit 18 Anforderungsbereichen, was bei zwanzig Operatoren 360 Operatorendefinitionen in jedem Fach wären“, hilft ihm der Nörgler auf die Sprünge.
Wir schweigen. „Tja“, zuckt der Fachberater mit den Schultern, „aber in manchen Fächern gibt es viel mehr als zwanzig Operatoren.“
360 mal George Clooney? Oder mehr? Das ist dann doch zu viel. Trotz Kompetenzorientierung fühle ich mich am Ende des Fachtages inkompetenter denn je.

Advertisements

Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
Dieser Beitrag wurde unter Bildungspolitik abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu 360xGeorgeClooney – der neue Bildungsplan

  1. Frau Lehrerin schreibt:

    George Clooney hat ja nicht in erster Linie operiert. Er war Notfall-Kinderarzt und hatte Affären. Und man schreibt ihn mit -ey am Ende.
    Du weißt ja…die Lehrer…

    • Ens Oeser schreibt:

      Oh. Das muss ich verbessern. Und zwar fix.

    • kat+susann schreibt:

      Der George Clooney hat nichts operiert. Das war der Kinderarzt Doug Ross, den er „nur“ gespielt hat.. sage ich als Lehrerstochter 🙂
      Übringes die Serie- emergency room- gilt unter uns Profis als die realitätsnahste Serie… wobei ich Dr. House den Vorzug gebe. Aber das nur am Rande.
      S.

      • Ens Oeser schreibt:

        Dr. House. Aber, aber der ist doch süchtig… ist das echt realitätsnahe?

      • kat+susann schreibt:

        Ich Kat., mag Dr. House nicht und finde ihn völlig überzogen und realitätsfern. Aber Emergenc room war meine Fortbildung.Da hab ich ne menge gelernt. Bis dann alle vom Balkon gefallen sind,da wurde mir das dann zu doof.

      • kat+susann schreibt:

        Weiss nicht ;-), aber das ist der plot. Ein perfekter Arzt in ner Serie wär wenig unterhaltsam.. ist ja keine Doku..
        Aber medizinisch ist es zu 99% richtig.Diese „Detektivarbeit“ , wenn sie einen Fall haben, mag ich.
        Aber ich mag auch „Bones“.. 🙂
        S.

  2. kat+susann schreibt:

    Nein nein nein ! was für ne schlimme Tagung.. da muss man sich ja über gar nichts mehr wundern..
    S.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s