Der Major TOM des Datenschutzes

Das Klingeln hat mich vom Mittagsschlaf hochgeschreckt. Meine Haare auf der linken Seite stehen im rechten Winkel ab. Sie runter zu klappen geht nicht.
Mein Chef steht vor der Tür und lächelt fröhlich. „Hallo Herr Oeser“, sagt er, „es ist nur wegen §9 des Landesdatenschutzgesetzes, Teil 1, Ziffer 11.“ Ich starre ihn schlaftrunken an. Was redet der Mann da. „Kann ich mal rein kommen, wir haben einen Hinweis aus dem Kollegium bekommen“, sagt er und drückt sich an mir vorbei ins Haus.
„Wissen Sie, mir ist das ja auch peinlich, aber sie kennen ja die Vorschriften, ich muss das halt überprüfen“, sagt er und reckt witternd die Nase. Hinter ihm kommt ein kleines Männchen her, das eine lederne Aktentasche trägt. „Gestatten“, sagt das Männchen und hält mir einen Ausweis hin. „Datenschutzinspektor“ steht da.
Der Chef hat gefunden, was er sucht. „Ist das die Türe zu ihrem Arbeitszimmer“, fragt er und hält den Türgriff schon umklammert. „Ähhh…“, sage ich, während der Datenschutzinspektor ein Klemmbrett aus seiner Aktentasche zieht, auf dem die von mir unterschriebene Datenschutzerklärung festgeklemmt ist.
„Schauen sie sich mal dieses lächerliche Schloss an“, sagt mein Rektor zum Datenschutzinspektor, „machen Sie gleich mal ein Minus hinter die TOM „Zutrittskontrolle“!“ Der Dateninspektor malt sorgfältig ein Minus auf das Formular.

Ausschnitt Datenschutz

Aus dem original Formular.

„Was ist ein TOM?“, rufe ich hinter meinem Rektor und dem Inspektor her. Da streckt mein Rektor den Kopf aus dem Türrahmen. „Aber, aber, Herr Oeser“, lacht er, „das werden Sie ja wohl wissen.“ Da streckt auch der Datenschutzinspektor seinen Kopf aus dem Türrahmen und rattert folgenden Text herunter: „Gemäß § 9 Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) sind alle Stellen, die personenbezogene Daten verarbeiten, erheben oder nutzen verpflichtet, technische und/oder organisatorische Maßnahmen, kurz: TOM, zu treffen um zu gewährleisten, dass die Sicherheits- und Schutzanforderungen des BDSG erfüllt sind.“ Mein Rektor nickt bewundernd. Dann verschwinden die beiden im meinem Arbeitszimmer. Ach so, denke ich, deshalb nennen die Kollegen den Rektor neuerdings Major TOM. Gründlich durchgecheckt und so. Dann gehe ich schnell hinterher.
Mein Rektor sitzt an meinem Notebook. Als er mich hört, dreht er sich um. „Das nennen Sie Passwort?“, sagt er höhnisch, „ich habe nicht mal drei Sekunden gebraucht, um das zu knacken.“ Der Inspektor malt etwas auf dem Formular herum. Mein Rektor klickt ein bisschen und ruft sämtliche Zeugnisdaten, die ich im Ordner SCHULSACHEN gespeichert habe auf. „Mann, Mann, Mann, machen Sie ein Minus hinter „Zugriffkontrolle“, stöhnt er. „Hab ich schon“, sagt der Inspektor. Dann gucke ich zu, wie mein Chef meinen E-Mail-Account öffnet und das Archiv durchstöbert. „Gott-O-Gott, großes Minus hinter „Transportkontrolle!“
Dann guckt er den Desktop an. „Was ist das“, fragt er irritiert, „Windows 95?“ Ich nicke langsam. „Mein Gott, Oeser“, stößt er hervor, „sie wissen schon, dass Sie aus Datenschutzrechtlichen Gründen immer das neueste Betriebssystem brauchen?“ „Ähhh“, sage ich.
Jetzt klickt er auf den Papierkorb. „Hab ich mir gedacht“, sagt er zum Inspektor, „gucken Sie sich das an.“ Er öffnete eine Notenliste.
Dann guckt er sich forschend um, zieht Schubladen auf und zu. „Sagen Sie mal, wo machen Sie denn ihre Backups drauf“, fragt er gepresst. „Backups?“, sage ich verständnislos, „was ist das denn?“ Der Inspektor malt ein dickes Minus hinter den Punkt „Verfügbarkeitskontrolle“.
Mein Rektor steht auf. „Oeser, ich entziehe Ihnen hiermit die Erlaubnis auf ihrem Notebook personenbezogene Daten zu verarbeiten, haben Sie das verstanden.“ Der Inspektor drückt einen roten Stempel quer über das Formular auf seinem Klemmbrett. Dann setzt er sich an mein Notebook und beginnt alle Personenbezogenen Daten zu löschen.
„Dürfen sie das eigentlich, hier einfach so reinkommen und alles durchsuchen“, frage ich meinen Rektor.
„Logisch“, sagt der und geht in die Küche, wo er beginnt sich einen Kaffee zu brühen, „das ergibt sich doch aus meiner Position als ihr Vorgesetzter und Vorgesetzte dürfen alles, was sie wollen, das wissen sie doch.“
„Im Traum vielleicht“, schreie ich empört und schrecke vom Sofa hoch. Gott sei Dank. Nur geträumt, denke ich. Auf dem Tisch liegt das neue Datenschutzformular. Jetzt muss ich nur noch unterschreiben.


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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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