In the Gewerkschaft now


„Sag mal“, fragt die Kollegin den Gewerkschaftsmann, „wie kann ich eigentlich aus der Gewerkschaft austreten?“
„Leg mir einfach deinen Totenschein vor“, sagt der Gewerkschaftsmann, ohne aufzublicken.
Man sieht, dass die Kollegin die Antwort nicht gut findet. Sie sieht plötzlich irgendwie angespannt aus. „Nein, jetzt mal ohne Witz, wie trete ich da aus?“ Sie bleibt hart.
„Aus der Gewerkschaft tritt man nicht aus, das ist wie bei der Mafia“, sagt der Funktionär.
„Ha – ha – ha!“, antwortet die Kollegin gedehnt. Der Funktionär geht ihr auf die Nerven. Das merkt man sehr deutlich. „Ich gieße deine Füße gleich in Beton ein und spüle dich dann das Klo runter!“
„Wieso willst du denn austreten“, frage ich. Ich finde das Gespräch sollte sachlich verlaufen.
„Die zocken mich voll ab“, antwortet sie, „weißt du was ich da zahle, das ist der Hammer!“
„Ja“, antworte ich, „es kostet Geld, aber dafür bekommt man jeden Monat die hervorragenden Gewerkschaftspublikationen, mit informativen und anregenden Artikeln, geschrieben von gebildeten und interessanten Leuten.“
„Ich weiß, dass du für die immer diesen Quatsch da schreibst“, sagt die Kollegin, „aber nimm es mir nicht übel, das ist das Geld nicht wert.“
Der Funktionär lacht meckernd und sagt: „Du hast eine Rechtsschutz- und Schlüsselversicherung!“
Das sei toll, sagt die Kollegin, das kriege sie aber bei jeder anderen Versicherung billiger.
Der Funktionär zuckt die Schultern.
„Bei der Gewerkschaft geht es doch um viel, viel mehr“, sage ich und wedle unbestimmt mit den Händen.
„Aha“, sagt die Kollegin lakonisch, „worum denn?“
„Um Solidarität“, sagte ich.
Ich erzähle ihr die Geschichte meines Eintritts in die Gewerkschaft: „Als ich in den Neunzigern an der Hochschule studiert habe, stand im Eingangsbereich immer ein trauriges Nickelbrillen-Batik-Birkenstock-Männchen am Infotisch der Gewerkschaft und wurde ignoriert. Und so trat ich an den Tisch und füllte eine Beitrittserklärung aus und zauberte damit ein Lächeln auf sein Gesicht.“
„Mal abgesehen davon, dass die Formulierung „ein Lächeln auf’s Gesicht zaubern“ stilistisch echt zum Davonlaufen ist – Birkenstocktypen sind mir das Geld auch nicht wert, ich dachte die Gewerkschaft tut irgendwie was für mich, verbessert meine Situation oder so.“
„Und was genau hast du da erwartet“, sage ich und bin langsam auch genervt, „Ein-Euro-Jobber, die in der Küche das Geschirr für dich spülen?“
Sie ignoriert das.
„Die Gewerkschaft setzt sich für dich ein, bei den Politikern und so“, sagt der Funktionär, „tut das sonst noch jemand?“
Sie denkt nach und schüttelt dann den Kopf: „Nö!“
„Eben“, sagt der Funktonär, „wer sollte das auch sein? Politiker?“
„Ist trotzdem teuer“, sagt sie.
„Ja, ja“, sagt der Funktionär, „aber andere Freunde hast du als Lehrer nicht, glaub’s mir!“
„Your in the Gewerkschaft now“, singe ich, „ohuoh, in the Gewerkschaft – now!“

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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3 Antworten zu In the Gewerkschaft now

  1. laus itzigmann schreibt:

    Beim Thema „Gewerkschaft“ sollte man sich zunächst eimal bewusst machen in welchem historischen Zusammenhang diese entstanden sind: Es war die Zeit der Industrialisierung! Als die Interessen der Menschen noch klar zu definieren waren: Proletarier aller Länder vereinigt euch! Hier das Proletariat dort das Kapital. Das Prinzip der allgemeinen Interessenvertretung ist doch längst überkommen. Das „allgemeine Interesse“ einer größeren Gruppe ist heute nicht mehr zu definieren. Die Pluralität der Bedürfnisse bestimmt das individualisierte Gesellschaftsprinzip. Eine wie auch immer geartete Organisation, die vorgibt die Interessen aller Angehöriger einer pluralistischen Einheit zu vertreten, ist ein absurdes Konstrukt.
    Bezeichnend, dass die Schlüsselversicherung und politisch ideologisierte Infoblätter die Hauptargumente für eine Mitgliedschaft sind. Lieber Ens, ich finde du solltest deine Kollegin in ihrem emanzipatorischen Bestreben unterstützen, anstatt sie in alter klassenkämpferischer Manier für ein nicht mehr existentes Gemeinschaftskonstrukt zu missbrauchen. Hilf ihr …

  2. M.Bauer schreibt:

    „Die Pluralität der Bedürfnisse“ endet in unserem kapitalistischen System jedoch bei dem Streben nach Wohlstand bzw. auf der anderen Seite dem Willen zu überleben. Soll heißen, dass die Grundforderung nach fair bezahlter Arbeit und vernünftigen Arbeitsbedingungen nie enden wird, da dies immer relativ bleibt!

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