Keine Wohnung für den Lehrer!

Lehrer verboten„Sie sind also Lehrer“, fragte der ziemlich große Wohnungsmakler gedehnt und klappte seine Mappe zu. Ich nickte und dachte: Jetzt sagt er gleich, dass ich die Wohnung dann kriege, weil ich ja Beamter bin. „Dann tut es mir leid“, fuhr er fort, „aber mein Auftraggeber hat gesagt, er wolle keine Lehrer als Mieter.“
„Wieso das denn?“, entfuhr es mir erschrocken. Da lachte der Makler. Er trug Krokodillederschuhe, einen weißen Anzug und eine Hornbrille mit schwarz-weißen Kuhflecken drauf.
„Ich persönlich hab nichts gegen Lehrer“, sagte er jovial, „ich hab auch nichts gegen Sie.“ Er haute mir auf die Schulter, dass ich mein Schlüsselbein knacken hörte. Aber als Mieter seien Lehrer leider das absolut Letzte. Noch schlimmer als Musiker, die mit ihrem Übungsgedudel allen Nachbarn den letzten Nerv raubten. Und auch schlimmer als Studenten, die mit nächtlichen Partys ihre Nachbarn um den Schlaf bringen. Klugscheißer seien die Lehrer, erklärte mir der Kroko-Makler, die alles besser wüssten. Pausenlos habe man Ärger mit ihnen. Sie wüssten alles ganz genau. Vor allem wie man einem Vermieter das Geld aus der Tasche ziehe. Andererseits aber auch, wo sie Geld sparen könnten. Die Lehrer seien ja auch dauernd zu Hause, weil sie „morgens recht und mittags frei hätten, hahaha!“ Noch ein Schlag auf das Schlüsselbein. Und in den Ferien seien sie auch dauernd zu Hause und wohnten die Wohnung runter, schlimmer als die arbeitslosen Dauerfernseher. „Na und dann haben die doch nichts anderes zu scheißen, als dauernd Mietrechttexte und Gerichtsurteile zu studieren, um ihrem Vermieter das Leben zu vermießen, oder?“, grinste er. „Und ganz ehrlich“, er schaute mich mit bedauernder Miene an, „da verzichtet man lieber auf das zuverlässige Beamtengehalt.“ Normale Mieter seien besser. Er meine jetzt nicht, dass ich so sei, ich wirke ja eigentlich ganz vernünftig auf ihn, relativ normal, aber so im allgemeinen, das wisse man doch, seien die Lehrer so.
Oh Gott, dachte ich, ich werde diskriminiert. So fühlt es sich also an, diskriminiert zu werden. Aber ich schluckte den Gedanken.
„Wen sollen sie den nehmen, also gibt es eine bevorzugte Personengruppe“, fragte ich und schämte mich für meine ZDF-Forschungsgruppe-Wahlen-Ausdrucksweise. Aber ich wollte höflich sein. Meiner Berufsgruppe Ehre machen.
„Auf keinen Fall Leute mit mehr als einem Kind“, sagte er und schaute mich prüfend an, „Kinder machen Krach, das gibt nur Ärger!“ Ich sackte noch mehr zusammen. Da war ich mit meinen drei Kindern wohl doppelt ausgeschieden.
„Rentner“, sagte er, „Rentner, von mir aus auch mit Hund.“ Die seien schön ruhig.
Und was, wenn der Rentner vorher Lehrer war, dachte ich gehässig. Sagte aber nichts.
„Oder Beamter“, lachte er, „irgendein Beamter, Finanz oder andere Langweiler, Hauptsache kein Lehrer.“
Danach zählte er mir noch Handwerker als ideale Mieter auf, weil die alles selber in Schuss hielten.
Ich beschloss mich über mein Lebensende hinaus zu verschulden und ein Haus zu bauen. Ich würde nie eine Wohnung kriegen.

Advertisements

Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
Dieser Beitrag wurde unter Bildungspolitik abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Keine Wohnung für den Lehrer!

  1. kat+susann schreibt:

    Das kann das unvorhergesehen Fiese im Leben sein.. Neulich sass ich mit einer sehr netten jungen Frau im nächtlichen Zug, der wie immer verspätet war.. sie hatte ihn gerade noch erwischt, und weil ich ihr mit dem Koffer und den Urlaubstaschen geholfen habe, kamen wir etwas ins Gespräch.. eine Opernsängerin… Klasse, dachte ich.. trifft man sonst ja nicht so.. ich jedenfalls nicht… wir plauderten so, bis sie mich fragte, was ich denn arbeiten würde.. und ich sagte es ihr und bereute es sofort.. ihre Antwort auf mein.. ich bin Krankenschwester war.. „ach“.. hätte nur macht ja nichts oder ist ja nicht so schlimm gefehlt.. ein mittleider Blick von ihr…
    Tja.. so eine Reaktion habe ich noch nie erlebt.. die üblichen sind… könnte ich nicht, Schichtarbeit, stell ich mir schwer vor, usw usw… aber „ach“… o.k. ich konnte dann auch nichts mehr sagen, denn sie verschwand mit einem Blick ins smartphone in eine andere Welt..“ach“..
    S.

    • Ens Oeser schreibt:

      Also ehrlich: Das ist extrem arrogant. Extrem extrem. Nicht zu fassen. Ging das Gespräch danach noch weiter, oder habt ihr euch dann angeschwiegen…

      • kat+susann schreibt:

        Anschweigen wäre aktiv.. ich wurde einfach nicht mehr beachtet.. als wäre ich nicht existierend..tja..erschreckend war, dass das so plötzlich kam. Bis dahin hatten wir uns sehr gut über verschiedene Sachen unterhalten…auf so eine Idee würde ich nie kommen, deswegen war ich whs. auch so erschrocken… tja.. Augen auf bei der Berufswahl ? 😉

      • Ens Oeser schreibt:

        Mann, Mann, Mann! Das sagt mein Lehrerwitze machender Nachbar auch immer.

  2. kat+susann schreibt:

    Augen auf bei der Berufswahl ? Ist auch n ätzender Spruch…. aber wer kommentiert so ? Ich meine was sind das für Menschen ? Seufz.. manche leben so in ihrer Welt, dass sie fast schon sozial inkompetent sind..ein Blick über den eigenen Tellerand lohnt immer, finde ich. Auch die Einblicke in andere Arbeitswelten.. aber das ist meine Ansicht.. ich finde das ja auch interessant.. was andere Menschen machen, wie sie sich im Alltag durchschlagen, womit sie zu tun haben.. was gut an ihrem Job ist usw..gut o.k. ohne ein gewisses Interesse an Menschen kann man meinen Job auch nicht machen. Genauso, als würden Lehrer eigentlich Kinder und Jungendliche doof finden…
    Was bist denn du für n Lehrer ?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s