Die Geschichte zum Lied: Astrologie


„Seit meine Freundin mich von sich getrennt hat…“
Eine unzulässige Passiv-Form. Fand ich stark. Es war im Jahr 1999 und ich hatte aufgeschnappt, wie irgendjemand gesagt hatte, er sei durch die Prüfung gefallen worden, oder so. Das hat mich fasziniert, weil es das Erleiden der Situation so schön verstärkte. Man konnte nichts dagegen tun: Man war durchgefallen worden. Da kommt eine ungeheure Machtlosigkeit zum Ausdruck. Das fand ich toll. Und ich fand, dass es sehr gut den Schmerz ausdrückte, den ich bei der Trennung von meiner seltsamen Freundin empfunden hatte. Schmerz süß-sauer.
Es war Ende des Jahres 1995, als sie endlich Schluss machte. Eine große Erlösung für mich. Und für sie sowieso. Wahrscheinlich. Keine Ahnung. Ist aber auch egal. Da saß sie in meiner kargen Studentenwohnung und weinte. Ich machte ihr Tee. Sie ging. Ich war frei. Frei, frei, frei. Es fühlte sich an, wie nach einer langen Krankheit. Man ist noch schwach und fühlt sich taub. Aber man weiß auch: Es ist vorbei!
Am Wochenende danach kam mein Freund Ichael zu mir. Es schneite. Eine dicke Schneedecke bedeckte die Felder und Wälder. „Lass uns Bier trinken“, hatte er gesagt. Er zeigte auf eine Schachtel Aldi-Dosenbier, die er im Kofferraum seines weißen Renaults dabei hatte. Wir fuhren zum Wald, stiegen aus, umwickelten uns mit warmen Decken und tranken im Schneegestöber das Dosenbier. Es war fantastisch. Aber es war arschkalt. Doch so viel Fürsorge erwärmte immerhin mein Herz.
Später saß ich in meinem Kinderzimmer und begann wieder Musik zu machen. Das war mit der seltsamen Freundin nicht drin gewesen. Und weil ich jetzt wieder dauernd Gitarre spielte, kam ich auf diese seltsame Griff-Kombi: Ich schob einen simplen E-Dur-Akkord jeweils einen Bund weiter, aber ohne Barree. Aber ich machte nichts daraus.
Vier Jahre später saß ich also nach der Prüfung in der Cafeteria der Hochschule und irgendjemand benutzte diese falsche Passivform. Und da war das Lied. Zwischenzeitlich war ich längst mit der sehr, sehr netten Freundin zusammen. Doch dieses Lied musste trotzdem noch gedichtet werden. So viel war klar.
Jetzt muss ich ja zugeben. Es gab noch eine weitere Inspirationsquelle. Komplexität und alles. Das ist ein bisschen peinlich. Aber, nun ja. Es ist ein Lied von den Prinzen. Es heißt „Ich brauch dich gar nicht mehr“.
Das Lied funktioniert nach dem Prinzip Rammstein.
„Ich brauch dich gar nicht mehr,
Ich brauch dich gar nicht mehr,
Ich brauch dich gar nicht mehr zu fragen, ob du wiederkommst,
ich brauch dich gar nicht mehr zu fragen, hast du zu mir gesagt.“
In diesem Lied beklagt sich ein frisch verlassener Döpel über seine Ex-Freundin. Naja. Und obwohl er so tut, als wäre alles kein Problem, ist es natürlich doch eines. Eben etwa der „graue Annorak“, den sie holen soll.
Und plopp: Da war der Text und die Melodie.
„Seit meine Freundin mich von sich getrennt hat,
trink ich beim Frühstücksfernsehen Sekt,
dazu nehm‘ ich ne Schmerztablette
Und dann tut es nicht mehr weh…“
Wunderbares Bild, oder?
Sekt als Freuden- und Feiergetränk. Aber, so ein Elend: Beim Frühstücksfernsehen. Und die Schmerzen, oh jeh.
Und in der zweiten Strophe, noch besser, und da kommen jetzt die Prinzen:
„Seit meine Freundin mich von sich getrennt hat,
schlaf ich in ihrem Annorak,
im Sessel vor dem Fernsehtestbild,
und dann tut es wieder weh…“
Oh Weltschmerz, ich liebe dich. Allein nur wenn ich das aufschreibe wird mir ganz wohlig.
Eigentlich wollte ich im Refrain „vor die Hunde gehen“. Aber ich kann Hunde nicht so richtig leiden. Deshalb kam ich auf die Sterne und die die nächtliche Pseudo-Todessymbolik. Ist auch schön. Starkes Bild.
„Ich glaub ich gehe vor den Mond,
Ich glaub ich gehe vor die Sterne,
Ich glaub ich gehe in die Nacht,
warum hat sie das gemacht.“
Ich will mich nicht selber loben, aber jetzt muss ich mich einfach mal selber loben. Sehr gelungen, das alles.
Wir nahmen das Lied 1999 in im Kinderzimmer unseres Produzenten Arkus auf. Ennis macht „uhhuhhhuhhuhh“ und „bababababababa“. Man kriegt Gänsehaut. Laus war auch da und hat alles für gut befunden. Arkus hat es mit Liebe gemischt. Schön, schön, fein, fein.
Tolles Lied, oder?

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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