Eine Frau finden bei REWE

REWE„Ich drängle mich nie vor“, sagt der Renter bei REWE in der Kassenschlange zu mir. Hornbrille. Schiebermütze. Kein Beige. Nicht schlecht, denke ich. Grauer Rund-um-den-Mund-Bart. Verwitterter Typ, aber gut beinander. Hat die BILD und eine Fertigpizza auf das Band gelegt. Direkt vor meine Pesto-Gläser. Kein Schnaps. Kein Bier.
„Unter uns“, er senkt die Stimme und beugt sich zu mir, „wenn man eine Frau sucht, dann ist die Kasse bei REWE ideal!“ Ich verziehe mein Gesicht so, dass es nach mäßigem und freundlichem Interesse aussieht. Ich habe keine Zeit mich von einsamen Ruheständlern voll-labern zu lassen. Das Mittagessen steht auf dem Herd. „Tanzkurs oder was trinken gehen“, raunt er mir zu, „das ist doch alles scheiße!“
Ich sage nichts.
„Aber wenn man hier am Band steht, dann guckt man in den Einkaufskorb und sieht gleich, was los ist.“ Ich nicke. „Da sieht man: hat sie Kinder…“, er stockt. Irgendwie habe ich wohl ein unpassendes Gesicht gemacht. „… ich meine, egal, ich hab nichts gegen Kinder, aber für einen, der keine Kinder mag, der sieht das ja gleich am Einkaufskorb, was da so drin ist und dann weiß man ja …“
Und der Einkaufskorb, sagt er, das sei ja auch ein super Gesprächsanlass. „Oh, sie mögen auch das Sauerkraut von Hengstenberg, sagt man“, erzählt er und lächelt charmant. Und da könne man dann locker drüber reden. „Das verkürzt die Wartezeit und vielleicht hat man nachher eine nette Frau kennengelernt!“ Man könne nie wissen. Und mit dieser Aussage, denke ich, liegt man nie falsch.
Er achte stets darauf, vor den interessanten Frauen in der Schlange zu stehen. Denn: „Dann kann man auf sie warten, während sie noch zahlen und nachher weiter reden, man kennt sich ja dann schon.“ Stehe man hinter den Frauen, dann seien sie oft schon weg. Ja ja, denke ich, alter Schwerenöter, heute stehe ich hinter dir, war wohl nix.
„Ich meine“, lacht er, als könne er meine Gedanken lesen, „ich bin jetzt Siebzig, bei mir läuft da nicht mehr viel in der Richtung, aber so vor fünfzehn Jahren, da hätte ich das an einen Typen in ihrem Alter nicht weiter erzählt.“ Da lachen wir beide. „Also“, sagt er, „jetzt weißt du Bescheid.“ Ich nicke. Jetzt weiß ich Bescheid.
Er zahlt. Und dann ist er weg. Er hat nicht auf mich gewartet. Gott sein Dank. Ich muss schnell heim. Fertig kochen.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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