Wie ich Philosoph wurde

Ich lag betäubt am Gehwegrand inmitten eines drahtigen,  den Boden überwuchernden Gestrüpps. Das Zeug, das immer da wächst, wo sonst nichs wächst. Mein Kopf dröhnte. In mir hallte eine Art dumpfer metallischer Gong nach.
Das letzte, an was ich mich erinnern konnte war, dass ich gedacht hatte, meinen Religionslehrer im Auto vorbei fahren zu sehen. Mit einem rotwildgleichen Fluchtinstikt hatte ich mich in das Gebüsch am Straßenrand werfen wollen. Für den Bruchteil einer Sekunde realisierte ich einen grauen Schatten, sehr nahe an meinem Gesicht. Und zwar genau dort, wo ich eigentlich eine freie Sprungbahn erwartet hatte. Dann spürte ich einen federnden Schlag gegen meine Stirn, der mich mit einem lautem „Dong“ niederstreckte. Mein Gesichtsfeld explodierte in einem weiß-roten Feuerwerk. Dann war alles still. Und schwarz.

umleitung

Als ich die Augen wieder öffnete und die Geräusche zurückkehrten, da begriff ich. Ich war gegen ein Verkehrsschild mit der Aufschrift „Umleitung“ gesprungen. Mein Kopf rauschte und pulsierte. Als ich kapierte, dass es dieses Schild war, das mich k.o. geschlagen hatte, musste ich kurz lachen. Das tat aber weh. Der jähe Schmerz machte mich wütend und ich trat nach dem Schild. Aber ich verfehlte es und schrammte mir ziemlich schmerzhaft den Knöchel.
„Scheiß Religion“, fluchte ich vor Schmerz stöhnend. Kleine Sünden, rauschte ein Gedanke aus meinem Kinder-Unterbewusstsein an die Oberfläche, und da musste ich schon wieder kichern. Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort. Dann aber regte es mich doch auf, denn ich war ja kein Kind mehr, oder? Scheiß lieber Gott, fluchte ich, aber nur in Gedanken. Er musste das ja nicht hören. Ging ihn ja auch nichts an.
Ich rieb ein bisschen meine Stirn und meinen Knöchel. Dann setzte ich mich auf.
Es war Frühling 1991, ich war in der zwölften Klasse und auf der Flucht vor dem Religionsunterricht. Dem „Endless Stream of Laber“, wie ich diese Doppelstunde in Anlehnung an den „Stream of Consciousness“ nannte.
Früher, in der Realschule, da hatte ich den Religionsunterricht toll gefunden. Unsere junge und schöne Lehrerin hatte mit uns über Liebe, Sex und Freundschaft diskutiert. Sie hatte uns erzählt wie die Israelisten Gott knallhart erfahren hatte. Aber jetzt? In der Oberstufe? Blablabla… Ich hatte keine Ahnung, was das alles sollte. Der Religionslehrer hieß Hase, war alt, hatte eine dicke Brille und eine Glatze. Außerdem konnte er meinen Namen nicht richtig aussprechen. Er sagte immer Eeeens, statt Ens. Das ging mir auf den Keks.
Es war das erste Mal, dass ich schwänzte. Und so richtig überzeugt war ich nicht davon. Es war falsch. Deshalb war ich in totaler Alarmbereitschaft. Dicht an der Grenze zur Panik. Was, wenn ich erwischt werden würde? Dann hatte ich plötzlich dieses Auto gesehen und gedacht, dass Herr Hase darin sitzt. Alle meine Ängste wurden in weniger als einer Sekunde wahr und ich wollte unsichtbar werden. Dann der Sprung, dann ging das Licht aus und da lag ich.
Beim meinem ersten Aufsteh-Versuch knallte ich mit dem Hinterkopf an die scharfe Kante des Umleitungs-Schildes und klappte gleich wieder ins Gebüsch. Zum Glück, dachte ich, ist es trocken. Nachdem ich festgestellt hatte, dass ich nicht blutete, stand ich nochmal vorsichtig auf. Eigentlich hatte ich eine lachende Zuschauermenge erwartet, oder wenigstens die „Pleiten, Pech und Pannen“-Kamera. Aber nix. Ich war alleine.
Irgendwie hatte ich jetzt genug vom Schwänzen und beschloss, doch in Religion zu gehen. Aber als ich an der Schule angekommen war, stellte ich fest, dass ich doch keine Lust auf Religion hatte.
Also beschloss ich nach Hause zu trampen. Das waren immerhin fünfundzwanzig Kilometer. Mit dem Schulbus: unerträglich! Darum stellte ich mich schlapp an die Straße und streckte den Daumen raus. Das erste Auto, das anhielt war mein Religionslehrer. Er öffnetet sein Autofenster einen Spalt breit und sagte: „Eeeeens!“ Da hatte ich schon wieder die Schnauze voll. „Sehen wir uns etwa nicht heute Nachmittag?“, fragte er. Ich schüttelte den Kopf. „Überlegen Sie sich das nochmal“, antwortete er lächelnd, drehte die Scheibe hoch und fuhr weg.
Am Arsch heute Mittag, dachte ich. Ich stand noch zehn Minuten, da hielt der Eck mit seinem irrsinns Auto. Irgendein zweihundert PS Opel mit breiten Reifen.
Normalerweise brauchte man für diese Fahrt etwa eine halbe Stunde. Nicht mit dem Eck und seinen irrsinns Auto. Nach fünfzehn Minuten stieg ich in meiner Straße aus. Die Tachonadel von Eck war kein einziges Mal unter achtzig gefallen. Dazu hatten wir Eurodance gehört: „I’ve got the Power!“ Jetzt dankte ich dem lieben Gott doch wieder, dass ich lebend zu Hause angekommen war. Auch wenn mir schlecht vor Angst war.
An meinem freien Nachmittag musste ich Nachsitzen, weil ich Religion geschwänzt hatte. Stumpf abschreiben. Dafür hatte mich Hase in den nach misslungenen Experimenten stinkenden Nebenraum des Chemiesaals gesetzt.
Ich schrieb einen langen Text über Atheismus ab. Gott, so erfuhr ich, sei tot. Und zwar, weil wir nicht mehr an ihn glauben. Außerdem sei Gott so eine Art Wunschvorstellung der Menschen. Er sei all das, was die Menschen nicht seien: Allwissend, allmächtig, unsterblich. Eine Art perfekter Übermensch. Außerdem sei die ganze Religion an sich nur ein Unterdrückungsinstrument der Mächtigen: Je schlechter es euch jetzt geht, umso toller wird das Leben nach dem Tod. Es gäbe kein Schicksal, sondern nur Zufall. Nicht Gott hat die Menschen geschaffen, sondern umgekehrt.
Als ich mit dem Abschreiben fertig war, hatte ich das Gefühl, der Text hätte meine jahrelang angesammelten Gedanken sortiert und zum Ausdruck gebracht. Genau, dachte, genau so ist es. Schluss mit dem Scheiß. „Eeeens“, sagte mein Religionslehrer, „sie sind ja immer noch da, haben sie wirklich so lange gebraucht.“ Ich ließ diesen Vertreter des staatlich-religiösen Unterdrückungskomplexes wortlos stehen.
Wieder stellte ich mich an die Straße. Jetzt hätte ich mir gewünscht, es gäbe Gott und ich könnte zu ihm beten, dass nicht der Eck kommen würde, um mich mit zu nehmen. Aber ich war ja sein einigen Minuten Atheist. Da ging das nicht.
Statt dessen stieg ich in das Auto eines Besoffenen, der mich schon beim Anhalten fast überfahren hätte. Nachdem wir dreimal knapp dem Tode entronnen waren, stieg ich nach der Hälfte der Strecke aus, stetzte mich geschlagen in die Bushaltestelle und wartete.
Über die Sache mit Gott musste ich jedenfalls nochmal gründlich nachdenken.

 

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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