Schweine-Krake: Liebe, Frieden, Ich

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Ich habe das mal gemalt: Die Schweine-Krake Kapitalismus.

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Echt „Hermes“. Total authentisch.

Der Kapitalismus ist eine Sau in Krakenform. Acht Milliarden Fangarme lenken jeden unserer Gedanken. Und ich weiß jetzt auch, warum das so ist. Weihnachten ist das Fest der Schweine-Krake. Da merkt man das besonders gut. Alle wollen was haben. Alle müssen was kaufen.
Jetzt muss ich ja zugeben, dass ich, was meine Kompetenz in marxistischer Gesellschaftskritik angeht, allerhöchstens das Niveau eines Mofaführerscheins erreiche. Und ein Mofa reicht halt nicht, um der Schweine-Krake zu entkommen.
Denn im Kapitalismus ist es so: die Dinge, die wir haben und die Dinge, die wir wollen, sagen uns, wer wir sind. Leute, die nichts haben wollen, irritieren uns.
Das sieht man beispielsweise beim Fußball. Das Fußballtrikot ist ja der Matrosenanzug unserer Tage. Fußball ist pazifistischer Militarismus. Irgendwie bin ich mir fast sicher, dass Europa die längste Friedensperiode seiner Geschichte dem Fußball verdankt. Herbert Marcuse würde das vielleicht „Agressions-Sublimation“ nennen. Statt auf dem Schlachtfeld treten die Nationen jetzt im Fußballstadion gegeneinander an. Mein Vater hat noch Heldenbildchen vom Ersten Weltkrieg gesammelt. Mein Sohn sammelt Fußballbildchen. Ich weiß nicht, aber ich finde das irgendwie stark. Und da sieht man: Die Schweine-Krake ist nicht nur schlecht.
Mein Sohn jedenfalls hat ein Bayern-München Trikot.  „Ich brauche das Hermes-Schild“, hat er gesagt, „damit es ein richtiges Bundesliga-Trikot ist.“ Also haben wir den Werbeaufbügler des Ausbeuter-Versandhauses Hermes für Teuer-Geld gekauft und dann aufbügeln lassen. Das Kind war glücklich, weil „jetzt ist es wie in echt!“ Werbung als Authentizitäts-Fetisch. Was würde Vater-Marx dazu sagen? Wahrscheinlich: „Hab ich ja gleich gesagt!“ Das ist ja nichts Neues im Westen. Und im Osten ist das jetzt auch cool. Die Menschen machen sich schon lange freiwillig zur Litfaßsäule.
Aber noch viel krasser sind die Fußball-Sammel-Karten, die den aktuellen „Wert“ des jeweiligen Spielers anzeigen. Das würde Marx auf jeden Fall gefallen: Geld als Äquivalent für den Wert eines Spielers. Jeder Spieler kriegt ein Preisschildchen. Die Anthropomorphisierung des Autoquartets. Tor-Quote sticht Vorlagen-Quote. „Neuer“, versichert mir mein Sohn beim Frühstück, „ist gerade 41 Million Euro wert!“ Dieses Fußball-Marketing-Zeug ist Kapitalimus-Pädagogik pur. Botschaft: Menschen lassen sich in Geld aufwiegen. Die Antwort auf die Frage: Was bin ich Wert?
Und noch besser: Die Karte mit dem gesichtslosen Fußballmanager. Grafisch dargestellt im coolen Matrix-Style. „Erhöhe den Wert deiner Mannschaft um 5 Millonen Euro.“ Es gibt ja auch das schöne Computerspiel „Bundesliga Manager“, wo man Hoeneß mäßig schachern kann. Auf welche Kompetenzen käme es wohl in einem Spiel names „Fifa-Manager“ an?
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Wir denken nicht im Kapitalismus, der Kapitalismus denkt uns. Aber – und jetzt kommt die Weihnachtsbotschaft: Was soll’s? Her mit den Bayern-München-Trikots, her mit den Hermes-Aufnähern, denn Kapitalismus sagt uns nicht nur wer wir sind und sorgt für Frieden. Nein. Er ist Liebe.
„Man kann Liebe nicht nur mit Worten ausdrücken, sie zeigt sich auch darin, wie man für seine Familie oder für Freunde sorgt. Stellen sie sich vor, eine Mutter kauft für ihren Sohn etwas zum Anziehen: Dabei lässt sie sich von dem Wunsch leiten, dass das Kind nachher mit dem Kleidungsstück glücklich ist, dass es auf dem Schulhof nicht ausgelacht wird. Eltern unternehmen oft regelrechte Recherchen, bevor sie in ein Bekleidungsgeschäft gehen. Zugegeben: Nicht alle Kinder würdigen das. Aber für die Mutter ist es ein Akt der Liebe.“ Sagt mein Lieblings-Ethnologe Daniel Miller in einem Interview.
Weihnachten ist also immer noch das Fest der Liebe. Gerade wegen des Konsumrauschs. Scheine-Krake hin oder her: „Während viele traditionelle Feiertage an Bedeutung verlieren, wird Weihnachten immer wichtiger. Weihnachten ist ein globales Fest. Und was passiert an diesem globalen Fest? Alle Menschen freuen sich gleichzeitig auf ihre Familie und ihre Heimat. Und dieser Bezug zu ganz kleinen lokalen Gruppen ist in Weihnachten als Symbol schon angelegt, immerhin geht es um die Heilige Familie in einem Stall in Bethlehem.“
Man kann also sagen, dass der Kapitalismus eine Schweine-Krake ist und alles, was sonst so negatives über ihn sagen kann. Er ist aber auch Liebe und Frieden. Und weil er mir meine Wünsche von den Amazon-Accounts und Google-Suchaufträgen abliest, auch der jenige, der mir sagt wer ich bin. Ist doch auch irgendwie stark. Endlich ich.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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