Playmo statt Punk

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Mein schönstes Weihnachten war 1981. Ich war Drittklässler und bekam das Playmobil-Piratenschiff. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Geruch des frisch ausgepackten Spielzeugs. Weihnachten 1985 steht mit 1981 auf einer Ebene. Mein schönstes Weihnachten als Jugendlicher. Ich bekam alle mir noch fehlenden Beatles-Platten. Ich saß in meinem dunklen Zimmer, hörte die Beatles und verschmolz mit dem Universum. Da war ich dreizehn.
Aber meistens war Weihnachten familientechnisch betrachtet eher anstrengend.
Mit fünfzehn ging ich darum am Weihnachtsabend in die Punkerkneipe. Und ich blieb bis die Sonne wieder aufging. Na ja, oder bis der Nebel wieder heller wurde. Die Sonne konnte man nicht so direkt sehen. Die nächsten zehn Jahre ging ich in die Kneipe. Ich habe nur sehr verschwommene Erinnerungen an diese Zeit. Aber ich glaube es war schön.
Als ich bei der Bundeswehr war, wurde mir klar, dass andere Leute Weihnachten auch anstrengend finden. Ich hatte mir vorgenommen am Heiligen Abend Dienst zu machen. Gefreiter vom Dienst. Das ist so eine Art Portier für das Kompaniegebäude. Man bestellte Pizza und schaute den ganzen Tag lang das sinnfreie Programm des damals noch jungen Privatfernsehens. Die Kindersendungen in Tele5, amerikanische Krimiserien aus den Siebzigern in VOX und abends irgendwas in SAT 1 oder RTL. Flitterabend, oder so. Ich mochte das. Aber es war nichts zu machen. Alle Dienste über die Weihnachtsfeiertage waren ausgebucht. Unglaublich. „Die wollen alle an Silvester frei haben“, sagte der Unteroffizier vom Dienst. Also: Driving home for Christmas. Und wieder ging ich in die Punkerkneipe. Dort liefen Sisters of Mercy und ungefähr tausend Mal „War is Over“ von John Lennon.
Manchmal frage ich mich, was aus mir und Weihnachten wohl geworden wäre, wenn ich keine Kinder hätte. Würde ich wirklich immer noch Saufen gehen? Grauenhafte Vorstellung. Vielleicht gehört es ja zum Erwachsen werden, Weihnachten wieder gut zu finden.
Aber jetzt habe ich halt Kinder. Der Dreh- und Angelpunkt der Vorweihnachtszeit ist für die ganze Familie der Playmobil-Katalog. Und ein bisschen auch der Fan-Shop des 1. FC Bayern München. Wehe, man stellt die Engel anders auf, als im Vorjahr. Wehe, wehe man glaubt man könne den Advent anders feiern, als letztes Jahr. „Das haben wir aber immer so gemacht!“, sagen sie dann. Was wisst ihr schon von „immer“, denke ich dann. Und freue mich, dass es Weihnachten wird.
Und an Heilig Abend spielen wir mit den neuen und alten Spielsachen, bis wir schlafend über den Playmos zusammenbrechen. Es ist wie Weihnachten 1981. Wunderbar. Was ich mache, wenn die Punkerjahre kommen, weiß ich auch noch nicht. Alleine Playmo spielen?

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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3 Antworten zu Playmo statt Punk

  1. kat+susann schreibt:

    Warum nicht? ☺

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