Die Weihnachtsferien – eine Collage


Die Weihnachtsferien sind die längsten Ferien. Länger als die Sommerferien. Gefühlt. Die Maßeinheit dafür ist die nach oben offene Sonntags-Blues-Skala.
Der Sonntags-Blues ist dieses ziehende Unbehagen, das einen gleich beim Aufwachen am Sonntagmorgen befällt: Oh Nein, morgen muss ich wieder arbeiten! Man versucht es zu verdrängen, aber es begleitet einen den ganzen Sonntag wie ein Schatten. Und je länger der letzte Arbeitstag her ist, desto länger wird der Schatten.
Nach einem normalen Wochenende schlägt die Sonntags-Blues Skala bis drei oder vier aus. Bei einem langen Wochenende bis fünf. Bei den Herbst- und Winterferien bis sechs. Höchstens mal sieben. Bei den Oster- und Pfingstferien schlägt die Anzeige, je nach Wetter, auf acht oder neun aus. Nach den Sommerferien höchstens auf fünfzehn. Die Sommerferien sind zu lang. Irgendwann hat man die Nase voll und ist froh, wenn man wieder arbeiten darf.
Bei den Weihnachtsferien springt die Nadel dann aber schon mal auf fünfzig. Das liegt an der hochkomprimierten Ereignisverdichtung. Möglichst viele Ereignisse werden in möglichst kurze Zeit gepresst.
Kurz nach St. Martin geht es los: Weihnachtsalarm! Adventskalender. Adventslieder üben. Adventskranz basteln. Sterne falten. Und dann der Weihnachtsmarkt. Der Einzelhandel macht einen ganz schwurbelig mit „Last Christmas“, „The Power of Love“, „Feliz Navidad“. Schummerlicht in der Fußgängerzone. „Rudolph the Red Nosed Rendeer“. Konsum aus Notwehr: Ich kauf ja was, ich kauf ja was, aber lasst mich endlich mit den Weihnachtsliedern in Ruhe! Oder man probiert es mit alkoholischer Sedierung. Glühwein. Aber dann: Kater. Kopf: Aua, aua, aua. Dann: Erste Kerze. Süßer die Glocken. Wunschlisten mit den Kindern machen. „Aber Papa, ich brauche das unbedingt…“. Nein-heißt-nein-Gespräche. Geschenke kaufen. Gutschein oder nicht? Nein, dieses Jahr keine Gutscheine! Oh Gott, wir haben noch nicht alle Geschenke! Sei gegrüßt lieber Nikolaus. Zu-Nikolaus-kriegt-man-nur-Kleinigkeiten-Gespräche mit den Kindern führen. Zweite Kerze. Und nein heißt nein. Und Hochzeitstag haben wir auch noch! Dritte Kerze. Meine Frau hat Geburtstag. Und ich habe noch kein Geschenk! Fest, Feier: Kater. Ich habe Geburtstag: Fest, Feier: Kater. Vierte Kerze. Noch zwei Tage bis Weihnachten. Geschenk für Onkel Karl-Heinz nicht vergessen! Die Schlacht um den am wenigsten verkrüppelten Weihnachtsbaum beginnt. Oh, Gott wir haben vergessen das Geschenk für Onkel Karl-Heinz zu kaufen. Nein, mein Kind, du kannst deine Weihnachtswünsche jetzt nicht mehr ändern. Nein heißt nein. Endlich: Heilig Abend. Fröhlich bin ich aufgewacht. Wo sind die Kerzen? Gehst du noch schnell welche kaufen? Ich hab dir das schon vor einer Woche gesagt. Das Jesus-Kind war letztes Jahr in dieser Schachtel, wo hast du es hingetan? Schnell, schnell Gottesdienst. Krippenspiel. Stille Nacht, ihr Kinderlein, leise rieselt es. Geschenke, Geschenke. Auch Gutscheine. Schön zu Hause mit der Familie streiten, zu viel Essen. Ein dickes Buch von Onkel Heinz? Das tausch ich um ich hab schon eins. Wein trinken. Oder Weihnachtsbock. Erster Weihnachtsfeiertag: Kinder froh. Eltern auch, weil Kinder froh. Zweiter Weihnachtsfeiertag: Mama, warum müssen wir die Verwandten besuchen? Ich will lieber spielen … Das Feuerwerk zum Jahreswechsel schwillt ab dem 27. Dezember langsam an. Kracher oder Brot für die Welt? Papa, ich will Kracher. Nein heißt nein. Dann Silvester. Doch Kracher. Kinder froh. Essen. Essen. Sekt bis 4 Uhr. Plötzlich: Papa, wann stehen wir auf? Kater beim Neujahrsspringen. Kopf: Aua. So geht das neue Jahr los.
Dann flaut die Erregungskurve ab. Weihnachts-Geschenk-Bücher lesen. Nachts die Weihnachts-Geschenk-DVDs und schweres Essen. Der Weihnachts-Schlurfi hat uns im Griff. Dreikönig naht. Der Sonntags-Blues winkt von weitem. Schon zwei oder drei auf der nach oben offenen Skala. Und dann kommt er. Der Sonntag bevor es wieder losgeht. „Wir müssen unser Leben ändern“, sagt die Frau und klopft mir auf den dicken Bauch. Ich nicke träge und schwermütig. 50 auf der nach oben offenen Skala. Man möchte heulen. Die Weihnachtsferien sollten nie zu Ende gehen.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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