No Drama, Baby. Lehrer sind Normcore!


Meine Frau findet, ich sollte mich anders anziehen. „Ens“, hat sie gesagt, „du bist Lehrer, nicht der Schulsozialarbeiter, du kannst nicht rumlaufen wie ein Schlurfi.“
Tja, dachte ich, da wird man erwachsen, verlässt die Eltern, heiratet, kriegt Kinder, verdient ein Heidengeld und dann: Schlurfi.
„Als ob es darauf ankäme!“, habe ich tapfer dagegen gehalten, „das ist mein individueller Stil!“ Nein, hat meine Frau geantwortet, das sei mein individuelles Schlurfitum. Da fällt einem dann auch nichts mehr ein. Geschlagen schlurfte ich in mein Arbeitszimmer.
Trotzig googlte ich „Lehrer+Kleidung“. Und da stieß ich auf hochinteressante Zeitungsartikel zum Thema. In dem Artikel „Kleider machen Lehrer“ von Werner Knecht, der im Jahr 2009 erschienen ist, erfuhr ich, dass bei Lehrern oft „ein Schlabberlook“ zu beobachten sei. Der Autor fragt sich, ob das nicht ein Zeichen sei, dass diese Lehrer die Schüler nicht ernst nehmen. Und er stellt sich die Frage, wie wichtig „zwirnkonformes Verhalten“ tatsächlich ist. Die Didaktiker, behauptet er, seien davon überzeugt, dass ein Dresscode für die versifften Lehrer dringend nötig sei. Als angemessenen Stil schlägt er vor: „… nicht zu eng, nicht zu schlabberig, nicht zu grell, nicht zu verwaschen…“ Treffend fasst er das zusammen als „unauffälligen Stil“. Und er vergisst nicht hinzuzufügen, dass die Gefahr übertriebener Eleganz bei Lehrpersonen ohnehin nicht besonders groß sei. Danke.
Werner Knecht interviewt auch eine Didaktikerin, die folgenden schönen Satz zum Besten gibt: „Die Vorbildfunktion besteht darin, gepflegt und nicht im Freizeitlook zu erscheinen.“ Denn „Textilkompetenz“ sei ein Teil der für Lehrer überlebenswichtigen „Auftrittskompetenz“. Wolle man erfolgreiche Lernprozesse in Gang setzen, dann müsse man dafür auch entsprechend angezogen sein. Denn der Lernerfolg der Schüler hänge auch von der Bekleidung des Lehrers ab. An dieser Stelle spürte ich schon ein leichtes Stechen in der Schläfe. Eine heraufdämmernde Dämlichkeitsmigräne, die daher rührt, dass ich bei zu stark auf mich einstrahlender Dämlichkeit, immer ganz fest die Zähne zusammenbeiße, bis sich meine Kiefermuskeln verkrampfen. Ich las trotzdem weiter.
Interessant auch der Text eines „Stilexperten“, der den Lehrern Tipps gibt: „In der Schule geht es um die Vermittlung von Wissen und Werten. Etwas Konservatismus kann also nicht schaden.“ Aha. Konservatismus. Jetzt, weil Wissen konservativ ist, oder wie? Egal. „Lehrer, die sich und ihre Aufgabe ernst nehmen, kleiden sich darum so, dass ihre Kleidung Autorität und ein Maß an traditioneller Klasse ausstrahlt.“ Der Lehrer kombiniert die Jeans mit Jackett. Der Lehrerin rät er zu Twinset oder Feinstrickjacke. Willkommen in der CSU-Fraktionssitzung. Und dass ja alle Deutsch sprechen!
So ein Hirni, explodierte ich in Gedanken. Die Schule ist kein Catwalk. Sage ich Karl Lagerfeld wie er seinen Job machen soll? Wie kommt so eine Modefuzzi dazu, mir zu erklären, wann ich meine Arbeit ernst nehme und wann nicht? Geht’s eigentlich noch? Wenn ich zur Jeans kein Jackett trage, dann fallen meine Schüler durch die Prüfung, oder was?
Referendar.de macht sogar gleich mal noch einen Link für die Lehreranwärter, wo sie sich günstig Markenklamotten kaufen können. Ich glaub ich muss kotzen. Aber so sieht’s aus.
Ich atmete ein, ich atmete aus. Dann gab ich bei Google „Lehrerkollegium“ ein. Ich schaute mir die Fotos von etlichen Lehrerkollegien an. Interessanter Weise kleideten sich immer nur die Schulleiter so, wie es vom allwissenden Stilexperten geraten wurde. Die anderen Lehrer hatten einen anderen Stil. Einen fast unheimlich einheitlichen Stil. So wie sich alle Rentner in beige Safariklamotten einkleiden. „Unauffällig“ war zur Beschreibung dieses Stils durchaus das richtige Wort.
Aber das wirklich passende Wort für den Lehrerstil, lernte ich aber erst am Sonntagmorgen bei der Lektüre der Sonntagszeitung. Lehrer kleiden sich „Normcore“. Von Wikipedia so definiert: „Normcore ist ein Unisex-Modetrend, der sich durch unauffällige, durchschnittliche Kleidung auszeichnet. Der Begriff ist ein Kofferwort aus den Wörtern „normal“ und „hardcore“ („harter Kern“). „Normcore“ umschreibt die Mainstream-Kunden, die nicht aus der Masse herausstechen, sondern in ihr verschwinden wollen. Sie sind aber nicht modeuninteressierte Personen, die Beliebiges anziehen, sondern sie kaufen bewusst unauffällige Kleider ein, die allerdings über gut sichtbare Label Prestige vermitteln sollen.“ Alle sind so normal. Und es stimmt tatsächlich: Lehrer ziehen sich so konform an, als wären sie am liebsten unsichtbar. Und Normcore ist die perfekte modische Tarnkappe. Und was sagt das eigentlich über den Lehrerberuf? Theodor W. Adorno, dessen Philosophie grob zusammengefasst besagt, dass alles scheiße ist, hat ja auch viel über Lehrer nachgedacht. Lehrer, hat er gesagt, seien in hohem Maße das Produkt des gesellschaftlichen Konformitätszwanges. Recht hat er. Sieht man ja. Ich glaube, dass die letzten echten Schlurfis mit der 68er-Generation in Ruhestand gegangen sind. Ihre wahren Erben sind die nickelbebrillten, Strickpulli tragenden Schulsozialarbeiter.
Textilkompetenz. Bei diesem Wort überkommt mich der Würgereiz. Mode ist textiler Opportunismus, Charakterlosigkeit zum Anziehen. Wer sich damit beschäftigen will, von mir aus. Aber mit welchem Recht machen Leute, die vielleicht etwas über diesen Modequatsch wissen, Aussagen darüber, was den Lernerfolg von Schülern bestimmt? Eben! Schluss mit der Diskussion. Ich ziehe an, was ich will. Und die Sozialarbeiter dürfen das auch. Es lebe die Freiheit!

Mehr und ausführliche Infos zum Thema gibt es hier.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu No Drama, Baby. Lehrer sind Normcore!

  1. thomasbookwood2014 schreibt:

    der war schon mal, Alter!

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