Die Phil-Collins-Apologie: Lasst den Mann singen!


In was für einem „Land of Confusion“ leben wir eigentlich? Wozu ist eine Online-Petition gegen ein Comeback von Phil Collins nötig? Gegen Nazi-Musik? Könnte ich verstehen. Gegen Schlächter-Horror-Bands, die ihre gesamten Merchandising-Produkte langhaarigen, Computer süchtigen Buben andrehen? Könnte ich auch verstehen. Aber Phil Collins? Jetzt mal ehrlich, das ist doch Quatsch!
In den Neunzigern hatte ich eine pathologische Phil-Collins-Allergie. Ein Tag, an dem man keinen Phil-Collins-Song zu hören bekam, war schon „Another Day In Paradies„. Phil Collins war ständig „In The Air…„. In den Achtzigern war das noch so halbwegs vertretbar. Aber in den Neunzigern lebten Phil Collins und ich „Seperate Lives„. Nix mehr „Follow me, Follow you„. Er war „No Son Of Mine„. „That’s All„, sagte ich mir. Damals „I wish I would rain down“ und der ganze Phil-Collins Mist würde in den Ausguss gespült werden. Man wollte laut „Mama!“ schreien, wenn im Supermarkt oder an der Tankstelle oder im Baumarkt schon wieder eines seiner Lieder lief. Phil Collins war der „Easy Lover“ des Airplays. Menschen, die keinen Musigeschmack hatten, erkannte man in den Neunziger Jahren an drei Dingen: 1. Tina-Turner-CDs, 2. Joe-Cocker-CDs und 3. und vor allem: Phil-Collins-CDs. Praktisch die IKEA-Möbel der Musikbranche.
Aber jetzt, mit 42, habe ich mit Phil Collins versöhnt. „I can’t Dance“ zu seiner Musik. Ich werde seine Lieder auch nicht downloaden oder extra nochmal anhören. Aber mit zwanzig, dreißig Jahren Abstand darf man ruhig zugeben, dass „In the Air tonight“ super ist. Vor allem, wenn die Trommeln so aggressiv einsetzen. Oder „Mama“, haha, hähä, ohhh. Das ist schon irgendwie gut. Und man sollte nicht vergessen, dass einige seiner Songs auch ziemlich sozialkritisch waren. „Jesus, he knows me“ kritisiert die christlichen Abzocker in den USA. „Another Day In Paradise“ erinnert uns daran, dass er uns nur auf Kosten der Dritten Welt so gut geht. Das ist doch irgendwie auch stark. So „Time after Time“ sieht man auch seine „True Colours“. Also lasst den Mann singen!
Das Video zu „Jesus he knows me“ ist doch toll, oder?

Und hier das unglaublich hohle, aber auch zutreffende Schwafel-Monolog des „American Psycho“ Patric Bateman im Originaltext zum Nachlesen:
„Do you like Phil Collins? I’ve been a big Genesis fan ever since the release of their 1980 album, Duke. Before that, I really didn’t understand any of their work. Too artsy, too intellectual. It was on Duke where Phil Collins‘ presence became more apparent. I think Invisible Touch was the group’s undisputed masterpiece. It’s an epic meditation on intangibility. … Take the lyrics to Land of Confusion. In this song, Phil Collins addresses the problems of abusive political authority. In Too Deep is the most moving pop song of the 1980s, about monogamy and commitment. The song is extremely uplifting. Their lyrics are as positive and affirmative as anything I’ve heard in rock. … Phil Collins‘ solo career seems to be more commercial and therefore more satisfying, in a narrower way. Especially songs like In the Air Tonight and Against All Odds. … But I also think Phil Collins works best within the confines of the group, than as a solo artist, and I stress the word artist. This is Sussudio, a great, great song, a personal favorite. “ (Bret Easten Ellis: American Psycho)

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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