Philologenverband Sachsen-Anhalt: Passt auf die Mädchen auf!

Bildung macht sexy. Das weiß man ja. Und zu den gebildetsten Menschen unseres Landes zählen die Gymnasiallehrkräfte. Das weiß man auch. Bundesweit 90 000 Gymnasiallehrkräfte sind Mitglied im Philologenverband, ihrer Gewerkschaft. Die „Philologie“ ist die Wissenschaft, die es mit der Sprache ganz genau nimmt. Wörtlich übersetzt bedeutet „Philologie“ nämlich „Liebe zur Sprache“.
Und da ist es schon erstaunlich, dass ausgerechnet die Mitgliederzeitschrift des „Philologenverbandes“ einen Text abdruckt, der sowohl stilistisch, als auch inhaltlich keinerlei Liebe in sich trägt.

Thematisch will der Text ein Beitrag zur Flüchtlingsdebatte sein. Die Autoren sind Jürgen Mannke und Iris Seltmann-Kuke, die Vorsitzenden des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt. Sie fordern die Regierung dazu auf, die Zuwanderung besser zu steuern. Außerdem soll, wie die Autoren finden, auf virulente Probleme des Zusammenlebens und der Integration hingewiesen werden. Dieses Anliegen ist für eine demokratische Öffentlichkeit absolut okay. Die Frage ist aber, auf welche Art und Weise man sich äußert.

BÖSE METAPHERN
Der Text beginnt mit folgendem Satz:
„Eine Immigranteninvasion überschwappt Deutschland, die viele Bürger mit sehr gemischten Gefühlen sehen.“
„Immigranteninvasion“ ist eine ziemlich fiese Metapher. Eine „Invasion“ ist laut Duden „feindliches Einrücken von militärischen Einheiten in fremdes Gebiet“. Die Einwanderer sind Invasoren. Diese Metapher verdreht schlicht die Tatsachen. Sie haben ihr Land nicht verlassen, um Deutschland kämpfend zu erobern. Sie sind auf der Flucht und erbitten unsere Hilfe.
Der „Immigranteninvasion“ stellen die Autoren das Tätigkeitswort „schwappt“ zur Seite. Stilistisch keine Glanzleistung. Flüssigkeiten können schwappen. Militärische Einheiten nicht.
Etwas weiter im Text bedient sich das Autorenpärchen der Metapher „Flüchtlingswelle“. Die könnte stilistisch sauber „schwappen“. Aber auch die Metapher der „Welle“ ist nicht besonders nett. Gemeint ist ja eine Welle im Sinne eines Tsunamis. Also einer Tod bringenden Flutkatastrophe. Katastrophen sind bedrohlich und gefährlich. Sind die Immigranten das? Die Metapher, die Mannke und Seltmann-Kuke benutzen legt das nahe. Später verwenden die beiden auch noch das Sprachbild der „ungehemmten Einwanderungsströme“, das in dieselbe Richtung deutet.

SCHLECHTER STIL
Die Autoren verlangen von der Bundesregierung „gezielte Einwanderung zielführend zu managen“. Ein bisschen viel „ziel“ für einen Satz, oder?
Auch an dem Wort „endlich“ findet das Vorstands-Duo gefallen: „…ein Gesetz muss endlich in Kraft treten, dass dieses Problem endlich umfassend zu lösen hilft.“ Kann man so machen. Ist aber nicht schön.
Da macht es schon ein bisschen misstrauisch, wenn Mannke und Seltmann-Kuke glauben: „Beim Erlernen der deutschen Sprache kann unser Berufsstand sehr nützliche Arbeit im Sinne einer wirklichen Integration für die Flüchtlinge leisten.“ Schiefe, bösartige Metaphern, Wortwiederholungen und dieses seltsame Fünfziger-Jahre-Finanzbeamten-Deutsch? Ich weiß nicht, ob das wirklich nützlich bei der Integration ist.

MENSCHENWÜRDE?
Wir müssen unmissverständlich klarmachen, dass diejenigen, die zu uns kommen, sich unseren Grundwerten anzupassen haben und nicht umgekehrt“, fordern die beiden Autoren. Dazu gehört die Menschenwürde. Ich finde, dass dieser Text den Flüchtlingen ihre Menschenwürde abspricht. Allein die bemüht eingesetzten Metaphern sind Menschenrechtsverletzungen.
Kriegsflüchtlinge sind okay, finden die Autoren: „Aber es ist ungemein schwer, diese von den Leuten zu unterscheiden, die aus rein wirtschaftlichen oder gar kriminellen Motiven in unser Land kommen.“ Die sehen ja alle gleich aus, stimmt’s? Und so geht es weiter. Die Autoren arbeiten mit Unterstellungen. Bestenfalls Behauptungen.
Wenn man die aktuellen Bilder der Flüchtlingswelle verfolgt, ist es nicht zu übersehen, dass viele junge, kräftige, meist muslimische Männer als Asylbewerber die Bundesrepublik Deutschland auserkoren haben, weil sie hier ideale Aufnahmebedingungen vorfinden oder das zumindest glauben.“ Es ist eine ganze Menge, was die Autoren auf den Bildern sehen. „…junge, kräftige, meist muslimische Männer …“, na gut, das kann man sehen. Aber sieht man auch, dass sie kommen, weil sie glauben, dass sie hier „ideale Aufnahmebedingungen vorfinden“? Und ihre Religionszugehörigkeit kann man auch sehen? Egal, die beiden sehen das. Und sie sehen noch mehr: „Viele der Männer kommen ohne ihre Familie oder Frauen und sicher nicht immer mit den ehrlichsten Absichten.“ Aua. Aua. Aua.
Jetzt kann man nicht von jedem verlangen, dass er per induktiver Schlussfolgerung heraus findet, warum wohl hauptsächlich junge Männer kommen. Aber auch ohne Sherlock Holmes zu sein, könnte man darauf kommen, dass es eben junge, starke Männer sind, die eine solche Flucht-Tortur am besten überstehen. Sie werden voraus geschickt, damit sie dann ihre Familie nachholen können. Würde ich auch so machen.
Jetzt sind diese jungen Männer da und, oh nein, sie wollen Sex! „Es ist nur ganz natürlich, dass diese jungen, oft auch ungebildeten Männer auch ein Bedürfnis nach Sexualität haben“, schreiben die Autoren. Igitt, Sex mit ungebildeten Männern. Bäh! Wo man doch weiß, dass nur Bildung sexy ist! Immerhin gestehen ihnen die Autoren zu, dass der Wunsch nach Sex natürlich ist. Aber bitte nicht mit deutschen Mädchen! Da muss sonst der deutsche Pädagoge eingreifen.
Auch als verantwortungsbewusste Pädagogen stellen wir uns die Frage: Wie können wir unsere jungen Mädchen im Alter ab 12 Jahren so aufklären, dass sie sich nicht auf ein oberflächliches sexuelles Abenteuer mit sicher oft attraktiven muslimischen Männern einlassen?“ Ja. Man möchte schreien. Wäre das nicht schrecklich? Oberflächlicher Sex und dann auch noch mit einem muslimischen Bimbo? Wo waren die beiden Autoren in den Neunzigern? Ganz bestimmt nicht bei der Love-Parade in Berlin, das ist mal sicher. Sonst würden sie über „oberflächliche sexuelle Beziehungen“ anders denken. Und die Neunziger sind auch schon wieder zwanzig Jahre her.
Wenn diese Äußerungen keine Verletzung der Menschenwürde der Kriegsflüchtlinge sind, was dann? Ich glaube, der Philologenverband sollte sich klar machen, dass Leute, die für seine Zeitschrift schreiben, sich unseren Grundwerten anpassen müssen. Ohne wenn und aber. Denn jetzt verlangen Maneken und Knuffke-Dingens auch noch das: „Es kann nicht sein, dass muslimische Familien verlangen, dass in deutschen Schulen ihre Wertevorstellungen vermittelt und ausgelebt werden können.“ Da verwechseln die beiden Autoren zwei Dinge. Die Staatsangehörigkeit und zu Zugehörigkeit zu einer Religion. Muslimisch und deutsch sind nämlich keine Widersprüche. Der Deutsche ist nicht von Natur aus Christ. Es gibt auch deutsche Muslime. Die gehen auf deutsche Schulen. Und sie haben natürlich das gleiche Recht wie alle anderen Deutschen. Nämlich, dass ihre Traditionen respektiert werden, sofern sie nicht gegen die Menschenrechte verstoßen. Man nennt das „Religionsfreiheit“ und Recht auf „freie Persönlichkeitsentfaltung“. Mit „ausleben“ hat das nichts zu tun.
Zum Schluss noch zum Thema „Pädagogen müssen Mädchen beschützen“. Wegen der „oberflächlichen sexuellen Beziehungen“. Warum denn nur die Mädchen? Ich hätte da einen super Vorschlag. Wie wäre es, wenn sich die Mädchen ab zwölf Jahren total verhüllen und unter die Aufsicht ihrer Brüder gestellt werden? Dann kann nichts passieren, oder? Als „verantwortungsbewusster Pädagoge“ müsste man mit so einem Vorschlag doch leben können.
Gut, dass der Philologenverband sich von diesem Schmarren distanziert.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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