Karl-Heinz und die direkte Demokratie, Teil 4: Eigenverantwortung


„Die repräsentative Demokratie ist doch eine richtig gute Idee“, brachte ich hervor und schubste den alkohol-sedierten Karl-Heinz. Karl-Heinz fand direkte Demokratie irgendwie besser. Mir war aber wegen der toxischen Wirkung der vier Bier auf mein Gedächtnis nicht mehr ganz klar, wieso eigentlich. „Das Volk wählt Volksvertreter“, fuhr ich unbeirrt fort, „Leute, die Zeit haben, sich mit den komplexen politischen Problemen auseinanderzusetzen. Leute, die nach einer bestimmten Zeit wieder zur Wahl stehen.“ Ich hielt inne und überlegte, ob es jetzt angemessen sein könnte auf’s Klo zu gehen. Aber nein. Ich fuhr fort: „Die Repräsentation ist praktisch die Reflexions-Schleife des Volkes, verstehst du?“ Karl-Heinz verstand nicht. Er schlief unbeeindruckt weiter.
„Aus der Perspektive moderner Wohlstandsgesellschaften“, hatte ich neulich bei dem Politikwissenschaftler Ingolfur Blühdorn gelesen, „ist mehr Demokratie tatsächlich nur noch sehr bedingt ein Versprechen oder eine Verheißung, sondern oftmals eher eine Bedrohung.“ Denn mehr Demokratie bedeute stets mehr Selbstverantwortung für die Bürger. Mehr demokratische Selbstverantwortung löse Angst aus, meint Blühdorn. Eben, dachte ich, man sollte immer nur so viel Bier trinken, wie man verantworten kann. Und mit der demokratischen Entscheidungsfindung ist das genau so, irgendwie. Wie jetzt genau der Zusammenhang war, das verschwamm ein bisschen im Bierdunst.
„Freiheit statt Bevormundung! Als CDU Baden-Württemberg wollen wir wieder mehr Eigenverantwortung anstatt Reglementierung. Das war auch meine klare Botschaft bei der Diskussion mit dem Verband deutscher Unternehmerinnen gestern Abend in Stuttgart.“ Mit solchen Parolen zieht der CDU-Kandidat Guido Wolf in den Landtagswahlkampf 2016. Genau, dachte ich, wenn du total blau bist, weil du so frei warst, mehr zu saufen, als dir gut tut, dann bist du dafür selber verantwortlich. Aber ach, der nächste Morgen…
Wer einmal gelernt hat, was mit „Eigenverantwortung“ gemeint ist, der kriegt bei solchen Szenarien natürlich Angst. Seit mit HARTZ IV die Arbeitslosen mehr Verantwortung für sich übernehmen müssen, seit Ärzte und Krankenkassen mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen. Das ist so eine Art gesellschaftlicher Kater, fand ich und musste lachen. Im Wesentlichen heißt das: Du bist selber schuld, wenn es dir dreckig geht. „Eigenverantwortung“ ist das Etikett einer großen gesellschaftlichen Entsolidarisierung, die durch dreißig Jahre neoliberale Gesellschaftspolitik angestoßen wurde. Inzwischen übernehmen auch Schüler „Eigenverantwortung“ für ihr Lernen. Und das nennt man dann Freiheit. Das ist der Punkt, an dem Linke und Liberale sich Gute Nacht sagen. Dutschke und Dahrendorf. Das ist, dachte ich bier-dopamin-begeistert, die Dutschke-Dahrendorf-Schleife.
Die repräsentative Demokratie ist doch, dachte ich weiter, auch eine Form der Freiheit. Es ist nicht nur die Freiheit, Vertreter zu wählen, es ist auch die Befreiung von der Verantwortung für die kommenden vier oder fünf Jahre. Wir stellen mit unserer Wahl Leute frei, die sich dann um die komplexen Probleme kümmern können. Den ganzen Tag lang. Oder, um mal bei der Bier-Metapher zu bleiben: Es saufen nur die, die für den Kater frei gestellt werden. Wobei, dachte ich, das ist jetzt auch ein schiefes Bild, irgendwie. Egal. Jedenfalls: Wir brauchen unsere Ressourcen zur immer komplexer werdenden Lebensführung. Sollen doch die Volksvertreter das Klima für mich retten. Und wenn sie das nicht tun, dann wähle ich nächstes Mal halt andere.
„Siehst du, Karl-Heinz“, sagte ich als ob er hätte meine Gedanken hören können, „direkte Demokratie löst die Probleme garantiert nicht. Sie macht sie größer. Das war vor 2400 Jahren so, es war vor 2000 Jahren so, es ist heute noch so.“
Dann kam die Kellnerin und wollte Geld. Und mit einem Seitenblick auf Karl-Heinz meinte sie, dass sie bald zumachen würden und ob sie ein Taxi rufen solle?
Das hat man von der Freiheit, dachte ich und nickte. Man sollte mehr Eigenverantwortung beim Saufen übernehmen.
Da schlug Karl-Heinz die Augen auf und nuschelte: „Hauptsache, du kannst labern, he!“

Advertisements

Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
Dieser Beitrag wurde unter Bildungspolitik abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s