Karl-Heinz und die direkte Demokratie, Teil 3: Das Volk


„Eben“, sagte Karl-Heinz und hatte wegen der vier Bier sichtbar Probleme, mich zu fixieren. Ein alkoholbedingter, intermittierender Strabismus. Vielleicht wurde das von seiner Brille auch unnötig verstärkt. Oder ich hatte Probleme, ihn zu fixieren, nahm es aber als sein Problem wahr. Oder so. Wer kennt sich da aus? Ich nicht! Meine Gedanken wurden langsam ein bisschen faserig.
„Eben was?“, fragte ich deshalb.
„Seit Stuttgart 21 wissen wir, dass alle Macht vom Volk ausgehen sollen sollte“, eierte Karl-Heinz, „weil wegen dem Geld, das wo die Politiker sonst raushauen wie nix, wo das doch die Steuern sind, die wo wir zahlen, oder?“
„Ein Scheiß“, argumentierte ich messerschaft, wie ich fand, dagegen, „ein absoluter Scheiß, vergiss Stuttgart 21!“
„Echt jetzt?“, rülpste Karl-Heinz.
„Ja“, sagte ich ziemlich lang gezogen, „weil solang das die Öko-Aristokratie war, die da so demonstierte und mitbestimmen wollte, war das mit der Mitbestimmung voll okay für die Politiker …“
„Aaaaaaaber?“, fragte Karl-Heinz das, was ich brauchte um nochmal auszuholen. Ich setzte mich aufrecht hin und konzentrierte mich.
„Aber dann kam das Volk. Mit den im arabischen Frühling oh so tollen neuen Medien. Es kam die Onlinepetition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“, die sich gegen den Aktionsplan „Für sexuelle Akzeptanz & gleiche Rechte Baden-Württemberg“ wandte. 192 000 Menschen unterzeichneten diesen ultra-homophoben Quatsch. Da freut man sich auf die direkte Demokratie, oder? Die Gegenpetition wurde immerhin von 142 000 Leuten unterschrieben. Trotzdem war es ein Schock. Statt links-liberal war der Wutbürger plötzlich rechts-konservativ. Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ mauserte sich zum Longseller. Das homophobe, ausländerfeindliche, frauenfeindliche und allesfeindliche Buch „Deutschland von Sinnen“ von dem verrückten Akif Pirinçci wurde zum Bestseller. Die AfD wurde gegründet. Und dann kam PEGIDA. Bei Stuttgart 21 demonstrierte die Öko-Aristokratie. Bei PEGIDA demonstriert die Mittelschicht. Gut ausgebildet, gutes Einkommen, wenig Interesse am Islam. Man ist irgendwie gegen „die Medien“(Lügenpresse) und gegen „die Politik“. Und für Deutschland und halt gegen Ausländer und jetzt will man das auch mal sagen dürfen. Bei PEGIDA demonstriert das Volk. Und das Volk fühlt sich immer unwohler, wenn so viele Flüchtlinge aus fremden Ländern nach Deutschland kommen. Es ist ein ziemlich diffuses Unbehagen am Ganzen. Man muss sich über eines im Klaren sein: Engländer, Franzosen und Amerikaner haben sich ihre Demokratie erkämpft. Aber Deutschland musste von ihnen zwei Mal zur Demokratie gezwungen werden.“
„Blablablabla“, murmelte Karl-Heinz mit halb geschlossenen Lidern.
„Ich bin froh, dass du das sagst“, sagte ich, „finde dein Gegenargument aber nicht schlüssig!“
„Nein“, meinte Karl-Heinz.
„Nein“, sagte ich, „hätte das Volk bei einer Volksabstimmung den Euro eingeführt? Hätte das Volk Griechenland gerettet? Hätte das Volk die Flüchtlinge aufgenommen? Was wäre das Volk bereit aufzugeben, um das Klima zu retten? Was würde das Volk zum Thema Todesstrafe sagen? Seien wir froh, dass das Volk nicht uneingeschränkt das Sagen hat.“
„Was weiß ich“, murmelte Karl-Heinz, „frag den da!“ Er deutete auf die Kellnerin.
„Hä“, hakte ich nach.
Aber Karl-Heinz schnarchte schon.
Es war genau wie zu Pontius Pilatus und Thukydides Zeiten auch.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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