Karl-Heinz und die direkte Demokratie, Teil 2: Hysterisches

Das Bier gab keine Antwort. Aber es sorgte bereits für eine gewisse laterale Lässigkeit in unserem Gespräch. Sanft schwappten die L-s und M-s labial und nasal dahin. „Bibitor Paralysis“, grunzte Karl-Heinz. „Mmm“, stimmte ich zu, obwohl ich nicht so recht wusste, was er meinte. Störte mich aber nicht. Das Bier hatte in meinem Gehirn bereits genügend Dopamin freigesetzt. Wir führten also einen sorglosen Slow-Motion-Dialog.
Karl-Heinz und ich hatten in der Kneipe brennende Fragen diskutiert: Direkte Demokratie oder nicht? Er ja, ich nein. Ich hatte versucht ihn über die historische Schiene zu kriegen. Pontius Pilatur und Thukydides. Das hatte nicht funktioniert.
„Ja, aber der Wutbürger“, meinte Karl-Heinz bei der zweiten Halben.
„Ja, aber der Wutbürger“, machte ich ihn nach, „Wutbürger, Wutbürger, Wutbürger – ist doch Quatsch!“
„Finde ich nicht“, sagte er mit Oberwasser, weil ich so patzig geworden war.
„Aber ich“, sagte ich wieder ruhiger, „das war doch bloß ein Hype.“
„So, so“, grinste Karl-Heinz, weil er glaubte mir falle dazu nichts mehr ein.

Also legte ich los: „Jetzt pass mal auf! Stimmt schon, zum Höhepunkt des Stuttgart 21 Protests erlebte die direkte Demokratie eine kleine Renaissance. Plötzlich war es bei Politikern aller Parteien en Vogue von „mehr Teilhabe“ zu sprechen. Oder von der „Politik des Gehörtwerdens“. Die Bürger, so hieß es, seien heutzutage viel mündiger, weil sie besser informiert und gebildeter seien. Auch wegen der neuen Medien. Internet und alles. Arabischer Frühling. Facebook, Twitter, Piratenpartei. Das sei doch eine ganz neue Chance für die Demokratie. Ein solches Potential dürfe man doch nicht verschenken.“
„Eben“, sagte Karl-Heinz. Ich nahm einen tiefen Schluck Bier, um mich zu stärken.
„Befeuert wurde das ganze Gerede auch noch durch den, bis auf seinen Titel, nichtssagenden Bestseller „Empört euch!“ und die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima. Und dann gab es den Bürgerdialog und die Live-Übertragung der Schlichtung von Stuttgart 21. Überall die Stuttgart-21-Kleber. Ein Hype. Massen-Hysterie. Also, wenn du mich fragst, dann war der Protest gegen den neuen Stuttgarter Bahnhof nur ein Feuchtbiotop für links-liberale Bildungsbürger, die endlich wieder einen guten Grund hatten sich aufzuregen.“
„Solche wie dich, oder?“, grinste Karl-Heinz mich an. Aber ich stehe zu meiner Mitgliedschaft in der Öko-Aristokratie.
„Na ja, ich meine du musst zugeben, der damalige Ministerpräsident Mappus“, fuhr ich fort, „war ja auch die auf eine Person eingedampfte perverse, arrogante und korrupte Personifizierung eines skrupellosen Polit-Apparatschiks – wie hätte man da anders können?“
„Nieder mit dem Polit-Apparatschik, vor allem wegen der Schmierfrisuren, was die Geld ausgeben für Haarspray, diese Umweltsäue…“, rief Karl-Heinz. Er trank schneller als ich. Das merkte man jetzt.
„Genau“, sagte ich hastig, um ihn am Weiterschreien zu hindern, „alles, wofür die links-liberalen in den Achtzigern demonstriert hatten, schien zum Ende gekommen zu sein. Und in diesem Kontext wirkte es absolut logisch, diesen ganzen klugen Lehrern, wie mich, und Sozialarbeitern (wie dich, lieber Karl-Heinz), die sich so gut in die Stuttgart 21 Materie eingearbeitet hatten, dass sogar der Palmer gestaunt hat, mehr Beteiligung anzubieten. Warum auch nicht? Was sollte schon passieren?“
„Genau“, presste Karl-Heinz heraus, „sag ich doch… mehr Demokratie wagen…“ Und dann bestellte er noch eine Halbe. Show must go on, dachte ich wirr.

Teil 3 folgt in Kürze.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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