Karl-Heinz und die direkte Demokratie, Teil 1: Historisches

„Uns fragen sie ja nicht“, hatte Karl-Heinz gesagt. Wir sprachen über Politik. Er war für mehr Demokratie. Willy Brandt und alles. Mehr Bürgerentscheide. Ich war einerseits…, aber auch andererseits … aber dann fiel mir etwas ein.
„Frag nie das Volk, sowas geht schief“, mahnte ich, „das weiß man doch schon aus der Bibel!“
Da lachte er. „Die Bibel“, rief er höhnisch, „geht es da nicht eher autoritär zu, oder?“ Die anderen Kneipengäste schauten schon peinlich berührt zu uns herüber, wegen seiner Lautstärke.
„Nix“, antwortete ich, „da geht es an entscheidender Stelle sogar extrem basisdemokratisch zu!“
„Quatsch“, beharrte er.
„Johannesevangelium“, sagte ich siegesgewiss, „Kapitel 18, Vers 28 bis 40, glaube ich.“ Meine Sekundärliteratur brauchte ich ja nicht zu erwähnen. Es ist so ein cooles Gefühl, wenn man den Eindruck unversalgelehrter Belesenheit erwecken kann.
„Quatsch“, sagte Karl-Heinz nochmal. Ich aber hob zu meinem Überzeugungsmonolog an:

„Pontius Pilatus hat einen großen Fehler gemacht. Dabei hatte er so gut angefangen. Die Hohenpriester brachten ihm Jesus. Sie wollten, dass er ihn zum Tode verurteilt. Wegen Gotteslästerung oder so. Jetzt hatte Pilatus gehört, dass dieser seltsame Mensch sich selber als „König“ bezeichne. Also fragte er ihn danach. Er bekam zur Antwort, dass er, Jesus, ein König sei, dass sein Reich aber nicht von dieser Welt sei. Aha, hat Pilatus vielleicht gedacht, was ist das denn für ein Herzelein? Darum hat er nochmal genauer nachgefragt: „So bist du dennoch ein König?“ Diesmal lautete die Antwort: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.“ Und Pilatus antwortete achselzuckend: „Was ist Wahrheit?“ Oh weh, mag Pilatus gedacht haben, ein Spinner! Aber ein harmloser Spinner. Pilatus Was-ist-Wahrheit-Antwort ist großartig, weil sie so postmodern wirkt: Was ist Wahrheit? Auf jeden Fall hatte sich Jesus in seinen Augen keines Verbrechens schuldig gemacht. Das einzige Verbrechen hätte sein können, dass er die Macht des Römischen Kaisers in Frage stellt. Das tat er aber nicht. Sein Reich war ja nicht von dieser Welt. Pilatus wandte sich an die Hohenpriester und sagte: „Ich kann keine Schuld an ihm erkennen!“ Ein Freispruch. Aber jetzt kommt der Fehler. Er hätte Jesus gehen lassen können. Gegen den Willen der Hohepriester und des Volkes. Die Folgen dieser Handlung kann man gar nicht absehen. Er hätte den Lauf der Geschichte ziemlich grundlegend geändert. Stattdessen setzte er auf direkte Demokratie und fragte das Volk. Und das Volk hielt den Daumen nach unten. Es befreite den Verbrecher Barrabas. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Direkte Demokratie war schon vor 2000 Jahren falsch.“

Da war er erst mal still, der Karl-Heinz.
„Ja, toll“, sagte er schließlich pampig, „das ist jetzt aber auch alles, was dir dazu einfällt, oder?“
Auf diese Frage hatte ich gewartet. Aus der Bibel fiel mir tatsächlich nichts mehr ein. Aber es ist einfach toll, wenn man seine humanistische Bildung im Kneipendunst verbraten kann. Darum kam ich schnell mit etwas anderem daher.
„Doch“, sagte ich, „Thukydides zum Beispiel!“
„Jajajablabla“, knatschte Karl-Heinz, „antikes Griechenland, Athen, Agora und alles, kenne ich vom Irish Pub Quiz, was ist damit?“

Jetzt holte ich Luft für meinen zweiter Monolog: „Wir töten die Männer, wir verkaufen die Frauen und Kinder als Sklaven und brennen die Stadt nieder.“ Das hatten die griechischen Väter der Demokratie auf der Athener Agora nach stundenlangem, rhetorisch geschliffenem und philosophisch tiefem Ringen um die beste Lösung beschlossen. Was das Problem war? Die Athener waren auf der Insel Melos gelandet. Die Bewohner hatten sich im Krieg der Athener gegen Sparta neutral verhalten. Das fanden die Athener blöd. Und damit war das Schicksal der Insel besiegelt. Dank direkter Demokratie. Frag das Volk und das Gemetzel ist perfekt.
Aber man kann aus der Geschichte auch lernen. Das haben die Athener bewiesen. Kurz nach dem Massaker auf Melos wurde nämlich der Beschluss gefasst, mit Sizilien genau gleich zu verfahren. Aber als die Schiffe bereits losgefahren waren, tat es den Athenern dann doch irgendwie leid. Sie schickten schnell ein anderes Schiff hinterher, um ein weiteres Gemetzel zu verhindern. Es wurde verhindert. Immerhin.

„Okay“, sagte Karl Heinz, „okay, aber heute ist die Situation doch ganz, ganz anders, die Antike ist vorbei! Wir haben das Internet und Bildung und alles. Wir wissen selber, was gut für uns ist, wir brauchen kein korruptes Politikerpack mehr.“
„Ja“, antwortete ich und hob den Zeigefinger (nicht auch noch der Zeigefinger, dachte ich), „aber die direkte Demokratie wäre trotzdem ein Fehler.“

Teil 2 folgt in Kürze.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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