Der Männercontainer

Männercontainer

Auf dem Container vor der Schule steht „MÄNNER“. Es ist die Art von Container, in der Müll entsorgt wird. Die Gleichstellungsbeauftragte steht daneben und macht ein Foto davon. Sie kichert. Ich schaue sie fragend an. „Es hat Beschwerden gegeben“, sagt sie, „von den letzten Männern, die finden das diskriminierend.“ Ich zucke mit den Schultern. „Die wollten wissen, ob jetzt die letzten Lehrer entsorgt werden sollen“, lacht sie.
Unser Kollegium setzt sich aus 43 Lehrerinnen und 10 Lehrern zusammen. Das sind mehr als 80 Prozent Frauen. Zwei Drittel aller Lehrkräfte in Baden-Württemberg sind Frauen. In praktisch allen allgemeinbildenden Schularten unterrichten mehr Frauen als Männer. Und das wird auch so bleiben, denn 3 von 4 Lehreranwärtern sind Frauen. Tendenz steigend. Die ehemalige Doktorin Annette Schavan forderte damals, als sie noch Doktorin war, sogar eine Männerquote im Lehrerberuf. Man beraube die Kinder doch einer großen Vielfalt, wenn nur ein Geschlecht diesen Beruf ausübe, befand sie.
„Sie wissen schon, dass sie in einem Frauenberuf arbeiten“, wurde mir neulich bei einem Elterngespräch gesagt. Das Fällt mir jetzt angesichts des Männercontainers wieder ein. Und ganz viele Eltern hatten gesagt, wie exotisch es sei, dass ihr Kind jetzt von einem Mann unterrichtet werde. Das hätten sie noch nie gehabt. Es sei doch auch wichtig, dass Jungs männliche Vorbilder in der Schule hätten, fanden sie.
Aber was ist männlich? Und was ist weiblich? Ich meine, außer der offensichtlichen Biologie.
Wenn ich als Schüler in Deckung sprang, weil die anderen Jungs mit dem Fußball auf mich schossen, dann riefen sie: „Bist du ein Mädchen, oder was?“ Als ich den Führerschein gemacht habe, hat mein Fahrlehrer mir bescheinigt, ich würde noch schlechter rückwärts einparken, als seine „Weiber“. Und wenn wir bei der Bundeswehr nicht soldatisch genug über den Truppenübungsplatz stolperten, dann schimpfte der Feldwebel, dass wir nicht auf dem Ausflug eines Mädchenpensionats seien.
Meine Sozialisation sagt mir also: Frau sein, heißt mangelhaft zu sein. Eine Frau ist man, wenn man ein miserabler Fußballer, ein schlechter Fahrschüler und ein ängstlicher Soldat ist. Macht mich das zu einem guten weiblichen Vorbild für meine Klasse? Nein. Denn Frauen können ja auch was. Ich habe neulich ein Kursangebot für junge Mädchen gesehen. „Wir machen alles, was Mädchen gerne machen“, hieß es da, „stricken, häkeln, kochen, basteln, reden und vieles mehr“. Fehlt eigentlich nur putzen, dachte ich. Auch das sind Disziplinen, in denen ich nicht punkten kann. Außer beim Reden und Putzen vielleicht.
Männer sind wortkarge, zupackende Helden, Frauen plappernde, emotionale Muttertypen.
Wenn das so ist, dann ist der härteste Mann, der mir in meiner Laufbahn als Schüler begegnet ist, meine gnadenlos strenge Geschichtslehrerin gewesen. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie sie einen verbogenen Schüler-Stuhl mit ein paar ordentlichen Tritten wieder zurecht gebogen hat. Gesagt hat sie dabei nicht viel. Aber eines ist klar: Da hatten auch die Mädchen ein deutliches männliches Vorbild.
Ich kriege keinen Nagel gerade in die Wand. Am Ende des Woody-Allen-Filmes „Manhattan“ breche ich jedes Mal in Tränen aus. Meine Frau schläft bei diesem Film ein. Macht dafür aber die Steuererklärung und die Nägel in die Wand.
„Arme Männer“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Ich nicke und schlappe zu meinem Auto. Hauptsache, denke ich als ich den Zündschlüssel drehe, es sind Menschen, die den Lehrerberuf ergreifen. Egal, welches Geschlecht ihnen die Natur verliehen hat. Vielleicht, überlege ich weiter, sollten wir unsere Rollenklischees in den Männercontainer werfen. Das sollte ich in der nächsten GLK sagen, denke ich und sehe mich dramatisch aufspringen und eine flammende Rede wider die Rollenklischees halten. Aber letztlich werde ich mich doch nicht trauen. Es wollen ja immer alle schnell heim. Da macht man sich keine Freunde.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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5 Antworten zu Der Männercontainer

  1. Männer sind eben ein breites Spektrum und kein essentialismus. Und in diesem Spektrum ging es eben auch „weiblichere Männer“. Es gibt interessante Forschung dazu, dass in dem Bereich viel mit Hormonen zu tun hat, insbesondere dem Hormonspiegel vor der Geburt

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