Smurfing (Teil 5) – Modern Talking/Roxette


Sehr interessant ist das Smurfing-Spielchen im Zusammenhang mit „Modern Talking“. Da nämlich versucht Dieter Bohlen, ein deutscher Musikproduzent, englisch-sprachigen Italo-Pop zu imitieren.
Bohlen kommt ja aus dem Schlagergeschäft. Früher hat er Lieder für solche Größen wie Tommy Steiner, Hanne Haller oder Mary Roos produziert. „You’re my heart, you’re my soul“, der erste Hit von Modern Talking, enthält eine Textzeile, bei das „Modern-Talking“-Prinzip klar wird: Wir nehmen eine deutsche Schlagerphrase und übertragen sie ins Englische: „Deep in my heart there’s a fire, burning hard“ haucht Thomas Anders. Schauen wir mal schnell beim Deutschen Schlager nach:
„… du hast in mir ein erloschenes Feuer entfacht. (Roland Kaiser)
„Das Wasser verkocht, wenn unser Feuer entfacht.“ (Frei.wild)
„Du hast in mir ein Feuer der Liebe entfacht.“ (Jürgen Peter)
„Du hast in mir heut ein Feuer entfacht.“ (Die Flippers)
Ich finde es fast fahrlässig, wie die Flippers einfach den billigsten Reim fallen lassen. Hier mein Verbesserungsvorschlag: „Du hast in mir ein nacht/das Feuer der Liebe entfacht.“ Schweinisch und romantisch zugleich. Genau wie bei Bohlen.
Und noch spannender ist, dass Bohlen dann sogar noch einen Salto Mortale („tödlich“ ist hier wirklich sehr treffend) ausführte und den Schlagerstar Mary Roos seinen eigentlichen englischen Italo-Disco-Pop auf deutsch singen ließ. Mörderisch, wirklich, mörderisch.
Der Bandname für Bohlens Projekt spricht Bände: Modern Talking. Schon die Beatles produzierten zwischen 1962 und 1965 exakt das: Modern Talking. Modern Talking als Textprinzip heißt: Mit möglichst bekannten Wörtern und Phrasen, liebes-mono-thematisch möglichst wenig Inhalt vermitteln. Lalala auf höherem Niveau.
Viel perfekter taten das aber Bands wie ABBA. Oder Roxette (Die Textzeile „Listen to your heart“ hörte ich zum ersten Mal in dem Modern Talking Lied „Cheri Cheri Lady“, wo sie ebenfalls Bestandteil des Refrains war).

„Roxette“ ist übrigens ein Lied der Sechziger-Jahre Bluesband „Dr. Feelgood“. Und auch ansonsten drehen Roxette alles, was ihnen die anglo-amerikanische Popgeschichte zu bieten hatte durch ihren Pop-Hack-Wolf. Und es ist sicher kein Wunder, dass es keine englischen Muttersprachler sind, die englisch-sprachige Popmusik derart perfekt auf den Punkt bringen können. Per Gessle, der Mastermind von Roxette, verfügt über ein perfektes intuitives Gespür dafür, welche Phrasen, unabhängig von ihrer korrekten Übersetzung, das Lebensgefühl des Popmusik-Konsumenten treffen. Oder damals trafen. Warum sonst macht man ein Lied mit dem Sprachanfänger-Satz „How do you do?“.
Jahrelang hatte ich vor, ein Lied mit dem Titel „Wenn ich nichts zu sagen hätte, würde ich das auf Englisch tun“ zu schreiben. Aber diese Aussage stimmt so nicht. Was stimmt ist: Wenn Nicht-Muttersprachler Engagiertes (Umweltschutz, Frieden usw.) oder Autobiogaphisches (schwere Kindheit, Scheidung usw.) auf Englisch singen, dann klingt das hochgradig verschraubt. Das wäre, wie wenn ich, wäre ich BAP-Fan (was ich nicht bin!) trotz meiner schwäbischen Herkunft, meine autobiographischen Lieder auf Kölsch singen würde. Oder, weil ich Hans-Söllner-Fan bin auch Bayrisch. Das ist Quatsch. Und trotz Tocotronic, würde ich über Sex lieber auf Deutsch singen. Der englisch singende Nicht-Muttersprachler drückt ein Lebensgefühl aus. Das Pop-Lebensgefühl. Und das ist doch auch schon mal was. Wenn auch nicht gerade der tiefe Teller.
Hier noch schnell ein selbstreferentielles Pop-Art-Gedicht:
New Life
Live is Life,
and Live is full of smurfing
– but life’s what you make it.
And: She lives a lonely life!
So dream on, everybody
and listen to you’re heart!
And never say never!
Because life is a short trip.
And life is a highway!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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