Smurfing (Teil 3) – Jeanny


Jeanny soll aufhören in ihren Träumen zu leben, weil das Leben nicht das ist, nach was es aussieht. Das fand jedenfalls Falco in seinem Megahit „Jeanny“. Jetzt sind Popstars ja grundsätzlich Kosmopoliten. Und Falco sowieso. Darum hat er das auf Englisch gesungen. Da hieß es dann: „Jeanny, quit living on dreams“. Korrektes Englisch. Aber Falco singt das Wörtchen „quit“ nicht „kwit“ [kwɪt], wie das ein Muttersprachler machen würde. Er singt „kuit“. Man weiß nicht, ob das Absicht ist. Nicht bei Falco. Es scheint nie jemandem aufgefallen zu sein. Falco spricht ja immer ein ganz reizendes Schul-Englisch, aber hier hat seine Aussprache einen klaren österreichischen Touch. Ich weiß nicht, ich finde das irgendwie stark. Smurfing bewusst eingesetzt. Das ist wie die Sauerkraut-Woche bei McDonalds: Lokalisierung nennen Marketing-Strategen soetwas.
Ein Genie war Falco trotzdem nicht. Nicht mal ansatzweise.
Sein erster Hit „Der Kommissar“ war eine Komposition ohne Text von dem Produzenten Robert Ponger. Sie war von dem Sänger Reinhold Bilgeri abgelehnt worden. Falco war Pop, denn er hatte Glück. Über seinen ersten Produzenten, eben Robert Ponger, stieß er auf Rap-Musik. Ihn selber interessierte das gar nicht. Auf Anweisung von Robert Ponger hin rappte er einen eigenen Text zu Bilgeris Lied. Auf Deutsch. Ein Drogenlied. Und damit kam er mitten in der Neuen Deutschen Welle um die Ecke und konnte Punkten. Und wie all die anderen NDW-Stars verschwand er danach erst mal in der Versenkung. Das soll nicht heißen, dass es schlecht war, was er in der Versenkung machte. Aber es interessierte halt keinen. Letztlich war er opportunistisch und ruhmsüchtig genug, sich auf Erfolgskompromisse einzulassen. Duette mit Desiree Nosbusch und Brigitte Nielsen beispielsweise.
Obwohl er kein toller Sänger war, hätte er lieber gesungen. Aber seit dem „Kommissar“ und „Amadeus“ war er auf Sprechgesang fest gelegt. Seine Melodien und Arrangements wurden von Produzenten gemacht. Seine Bühnenschau war lachhaft affektiertes Blödgetue. Aber: Falco war eine Projektionsfläche der Achtziger, der sich mit zwei unsterblichen Hits im kollektiven Gedächtnis etablierte. Falco war keine geniale Künstlerpersönlichkeit, er war eine popkulturelle Collage. Ein Art-Director seiner selbst. Nix Hansi Hölzel. Sondern die Bolland-Brüder oder Robert Ponger, deren Musik Falco dann in einem coolen Dolezal und Rossacher Video präsentierte.

Falco ist übrigens der Beweis, dass das Smurfing auch anders herum funktioniert. Sein auf Deutsch gerappter Über-Hit „Amadeus“ (der sich übrigens auch an dem damaligen Filmhit „Amadeus“ orientierte) war sowohl in Großbritannien, als auch den USA ein Nummer 1 Hit. Obwohl die Engländer und die Amis sicher nur smurf-smurf-smurf verstanden haben.
Die erste Zeile von „Der Kommissar“ lautet: „Check it out Joe!“ Ich erinnere mich, dass mein Freund Arkus und ich damals immer „Tschicke Latscho“ rappten. Und auch der Refrain blieb uns lange ein Smurf-Rätsel. Wir nahmen hin, dass Falco sang: „Da didel dumm, ohohoh, schau, schau, der Kommissar geht um, ohohoh…“ Tatsächlich singt er das österreichische „Drah di net um“, also „Dreh dich nicht um“. Uns war es egal. Life is full of smurfing.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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