Smurfing (Teil 1) – Wenn ich nichts zu sagen hätte, würde ich das auf Englisch tun!

WP_000827 (1)Ich stand in der Sporthalle im Geräte-Raum und schob zusammen mit dem Klassenschläger einen Stufenbarren zurück in den Geräteraum. Es war das Jahr 1987, ich war fünfzehn und der Klassenschläger auch. Er hatte gute Laune und sang den George-Harrison-Hit „Got my mind set on you” vor sich hin. Aber er sang: “Got my mind sail on you”. Der Gefahr voll bewusst lachte ich und sagte: Was singst du denn da für einen Scheiß, es heißt “Set on you” nicht “Sail on you”!” Er kam zu mir, und sondierte dabei, ob uns jemand sehen konnte. Ohne ein weiteres Wort rammte er mir sein Knie an den Oberschenkel. Mit einem gestöhnten Ächzen sank ich auf den Gymnastikmatten zusammen. Im Weggehen sang er probeweise „set on you“. Dann drehte er sich um und grinste: „“Sail on you“ hört sich aber besser an.“ Stimmt, dachte ich und rieb mir den Oberschenkel. Später erzählte ich meinem Freund Arkus davon. Er schüttelte den Kopf. „Deswegen legst du dich mit dem an? Ist doch scheißegal!“ Heute weiß ich: Arkus hatte recht. Und der Schläger bedauerlicher Weise auch.
In einem Spiegel-Spezial aus den Neunzigern über das Lebensgefühl junger Leute, erzählte ein Mädchen, sie sänge in der Disco bei einem Lied immer ganz laut mit. Sie nannte das Lied „Life is full of smurfing“. Aber ob dieses Satz Sinn machte, ob es das Wort „Smurfing“ wirklich gab, das wusste sie nicht. Es war ihr egal. Es kam ihr nicht auf den Inhalt an, sondern auf das Gefühl. Das ist der Punkt. Für uns, die wir Englisch nicht als Muttersprache sprechen, sind alle englisch-sprachigen Lieder „Smurfing“. Es geht um das Gefühl, nicht um den Inhalt. Oder glaubt irgendjemand auf diesem weiten Erdenrund ernsthaft daran, dass ein deutsch-sprachiger Dreinzehnjähriger amerikanischen Gangsta-Rap hört, weil er die Texte so genial findet? Oder: Wo ist der Reiz „I love you“ an die Wand zu schreiben?
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die beiden Helden von ABBA, Björn Ulvaeus und Benny Andersson, die Texte ihrer Lieder nicht so wichtig fanden. In dem Artikel hieß es, sie hätten englische Texte geschrieben, weil sie an den assoziations-gestättigten englischen Phrasen interessiert gewesen seien. Englische Texte waren für sie so etwas wie die Vertiefung der Melodie. Sie sollten die Eingängigkeit der Melodie verstärken, indem sie tausendmal gehörte Satz-Formeln verwendeten. Der Inhalt der war zweitrangig.
Inhaltlich ist das meistens ziemlich belanglos bis quatschig. Reines Smurfing.
„I love you, I do, I do, I do, I do“
Oder
“So when you’re near me Darling, can’t you hear me SOS … When you’re gone, how can I even try to go on.”
Oder
“Money, Money, Money’s
Always funny…”
Inhaltlich vermittelt das nicht mehr oder weniger als das „diri diri duliö di dö“ eines Jodlers.
Aber: Hauptsache auf Englisch. Wegen des Lebensgefühls. Spätestens in den fünfziger Jahren fing das an. Das anglo-amerikanische Lebensgefühl hatte Europa komplett durchdrungen. Alle Europäer wurden Amerikaner. Erst mit Glenn Miller, dann mit Elvis, Auto, Fernsehen, Kühlschrank. Und dann kamen ja auch schon die ersten Euro-Amerikaner: Die Beatles. Die machten nämlich bereits das, was Björn und Benny später perfektionierten. Sie kopierten sowohl die musikalischen, wie auch die rhetorischen Tropen ihrer amerikanischen Idole. Bis 1965 ging es bei den Beatles meistens um „Love“, um „you“ und „me“ und allem Drum und Dran. Banales Liebes-Smurfing. Vielleicht das Operetten-Erbe des Rock’n Roll?
Aber ab 1967 änderte sich das Konzept der Beatles. Eklektisch blieben sie weiterhin, aber die Bedeutung der Texte veränderte sich. Sie wurden zu eigenständigen und oft autobiographisch oder politisch inspirierten Kunstwerken. Statt „She loves you“ gab es jetzt “Revolution”, „Hey Jude“ oder „The Ballad of John and Yoko“. Und damit hatten die Beatles die beiden Grundkonzepte für die Textproduktion in der Popmusik durchdekliniert. Das Prinzip 1962-1965: der Text als bedeutungsloses liebes-Lautmalerisches Smurfing. 1967-1970: Bedeutungsschwerer, autobiographischer Bob Dylan.
Beides ist Pop. Beides existiert zu Recht und ist in Ordnung.
Pop ist ein Lebensgefühl, ein Sich-Einordnen in einen Kontext. Ein Beispiel. Mein Freund Arkus und ich schrieben im späten Frühjahr 1985 den folgenden Text.
„Männer sind Männer / Frauen sind Frauen / Live is life / Alltogether now / The Man is coming / Into the town / He’s visiting his girlfriend / He’s talking to her…“

Männer sind Männer

Dieser kleine Text ist total bescheuert, aber paradigmatisch für die Textproduktion im Popkontext. Es ist Lautmalerei, entstanden entlang der aktuellen Radiohits im April 1985. Die Melodie lehnte sich übrigens, ohne dass wir es realisierten, sehr eng an „Männer“ von Herbert Grönemeyer an. Reines Smurfing.
So funktioniert Pop. Man kann das auch an anderen Liedern zeigen. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist „Forever Young“ von Alphaville.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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