Cafetengedichte: Der lange Monolog

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Das eigentliche Genie bei ACH ist Ennis Eineck. Ich sage das nicht gerne. Das Genie sollte ich sein. Bin ich aber nicht. Ennis spielt super Gitarre, Keyboard und Bass. Er singt wunderbar. Und seine Kompositionen sind vielschichtig und harmonisch eloquent. Und wenn er Texte macht, dann wird es noch spannender. Es gibt ein Lied von ihm, in dem es um häusliche Gewalt von Frauen gegen Männer geht! Leider waren ACH nicht in der Lage, das filigrane rhythmische und melodisch komplexe Gebilde des Songs auch nur annähernd angemessen umzusetzen. Es tut weh das zu sagen, aber so war es.
Das wusste ich im Wintersemester 95/96 noch nicht. Bis Ánfred in der Cafete einen Zettel mit der Zeile „Primär gesehen lebt er noch“ zurück ließ. Das ganze unter der Überschrift „Der lange Monolog“. Es sollte eine Tirade gegen langweilige Dozenten werden. Typen die vorne stehen und labern und labern und labern. Und man weiß nicht: Was?
Aber irgendwie war dann keine Zeit mehr für Ánfred, weil er in das Politik-Seminar musste. Und da setzte sich Ennis an das Papierchen. Und schrieb, und schrieb und schrieb.
Beim Lesen dieses Textes fühlt man sich als tastete man sich mit den den Füßen über hauchdünnes Eis, ständig in Gefahr einzubrechen. Ein Gefühl großer und tief-trauriger Verlorenheit ergreift den Leser. Die Poesie der Melancholie. Großartig!
Wenn ich Ennis damals schon besser gekannt hätte, wäre mir klar gewesen, dass es in dem Text um ihn selber geht. Er war der „helle Punkt im schwarzen Loch“. Er, fremd in Deutschland, keine Ahnung von nix, aber fest gewillt, als Student fern seiner Eltern zu überleben. Praktisch unser aller Dilemma hoch zehn.
Bei meiner Vertonung wollte ich das hörbar machen. Mit tiefen Chören und seltsamen Akkorden und: Mit meiner Blockflöte. Ich bin Blockflötenfan seit ich zum ersten Mal „The Fool on the Hill“ gehört habe. Blockflöten sollten öfter zum Einsatz kommen in der Popmusik! Leider bin ich kein Genie des Blockflöten-Arragements wie George Martin. Und ein Virtuose bin ich sowieso auf keinem Instrument. So kam dieses schiefe, kleine Liedchen heraus, das ich immer noch gerne mag. Und sei ich der Einzige.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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