The Time of my Life – mein Leben als Pendler

Ich bin jetzt Pendler. Aufstehen um halb Sechs. Um halb Sieben fahre ich los. Jeden Tag eine Stunde hin und eine zurück.
Am Anfang meines Pendler-Seins habe ich im Auto Radio gehört. Und zwar genau den Radiosender, der die Lieder spielt, die man garantiert schon tausend Mal gehört hat. Als Autofahrer schimpft man ja dauernd über die anderen Autofahrer. Vor allem, wenn man alleine fährt. Man hat ständig das Gefühl, man sei der einzige Mensch auf der Straße, der richtig Auto fahren kann. Ich machte das nicht. Aber ich schimpfte über die Radio-Musik. Als das dritte Mal an einem Tag „The Time Of My Life“ lief, hatte ich es satt. Ich schaltete auf den Deutschlandfunk um.

Da wurden dauernd Interviews mit Politikern gesendet. Es kann sein, dass die anderen Autofahrer dauernd über die anderen Verkehrsteilnehmer schimpften. Ich schimpfte über das sinnfreie Phrasengedresche der Politiker. Es regte mich so sehr auf, dass ich an zwei Tagen hintereinander geblitzt wurde.
Also stieg ich auf Hörbücher um. Zuerst hörte ich „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty. In dem Buch geht es darum, dass die faulen Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer. Und dass das ungerecht sei. Das machte mich aggressiv. Es kann schon sein, dass die anderen Autofahrer dauernd über die anderen Verkehrsteilnehmer schimpften. Ich aber ertappte mich jetzt dank Piketty dabei, wie ich die Porsche Cayennes auf der Autobahn jagte und dabei „verfluchte Bonzen“ schnaubte. So ging das nicht.

Deshalb hörte ich als nächstes „Warum die Sache schief geht“ von Karen Duve. Das Buch gehört zur neuen Gattung der Alles-ist-scheiße-und-jeder-weiß-es-aber-keiner-sagt-es-Bücher. Duve behauptet in dem Buch, dass Ärzte, Wissenschaftler und Manager ihre Position nur deshalb haben, weil sie Psychopathen sind. Ganz nebenbei stellt sie fest, dass Männer von Natur aus dumm und aggressiv sind. Nach CD 4 merkte ich, dass mir auch dieser Text nicht gut tat. „Hab ich dir was getan, oder warum guckst du so?“, fragte mich mein Chef, als ich das Lehrerzimmer betrat. Mir lag schon die Antwort „Halt die Klappe, minderbemittelter Männerpsychopath“ auf der Zunge. Aber ich konnte mich gerade noch bremsen. Ens, sagte ich mir, du musst etwas anderes anhören.

Ich vertraute mich Rat suchend einer Kollegin an. Da erzählte sie mir von ihrem Auto. Es habe eine Fehlfunktion gehabt. Jedes Mal, wenn sie es gestartet habe, sei die Audioerklärung sämtlicher Fahrzeugfunktionen abgespielt worden. Jedes Mal in einer anderen Sprache, aber meistens Deutsch. Am Anfang habe sie sich darüber aufgeregt. Aber in der Werkstatt sagten sie ihr, dass es keine Möglichkeit gäbe, die Fehlfunktion abzustellen. „Irgendwann“, meinte sie, „habe ich es gar nicht mehr gehört.“ Es sei einfach aus ihrer Wahrnehmung verschwunden. Da wusste ich: Ich habe ein Luxusproblem. Und da erinnerte ich mich an das Referendariat. Ein Lehrbeauftragter hatte uns damals empfohlen, die Autofahrt zur Schule als „Insel der Stille“ zu betrachten. Man solle, so meinte der Lehrbeauftragte, im Auto nichts anhören, sondern sich „zur inneren Sammlung dem ruhigen Fluss der eigenen Gedanken überlassen“. Damals fand ich das total bescheuert. Jetzt dachte ich: Kluger Mann!
Dann setzte ich mich in mein Auto, schloss die Türe und genoss die Stille. Später sang ich gut gelaunt selber: „Enjoy the Silence!“

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu The Time of my Life – mein Leben als Pendler

  1. Jürgen Jünger schreibt:

    Ime of my life ist wunderbar, auch dreimal hintereinander auf der Autobahn. Zudem habe ich noch ein wunderbares Duett gefunden: Philip Bailey, Phil Collins – Easy Lover

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