Die Geschichte zum Lied: Local Lidl


Der local Lidl lag gleich hinter meiner ersten Wohnung. Beim Bahnhof. Er war ziemlich schäbig. Genau wie meine Wohnung. Ein Zimmer in einem popel-grünen Wohnklotz. Ich schlief auf einer Matratze auf dem Boden. Ansonsten: Sperrmüllmöbel. Ich war mitten in der Lehrerausbildung und jeden Mittag völlig am Ende. Wenn ich nach Hause kam, stopfte ich mir Nahrung in den Mund und schaute dazu paralysiert im DRS-Fernsehen „Street Life“ an. Dann „Clarissa“. Und dann ging ich zu Lidl und kaufte ein.

Irgendwann ging mein Fernseher kaputt. So war ich gezwungen mich am Nachmittag anders zu beschäftigen.
Ich dachte viel über die Rettung der Welt nach und trat darum dem schwer in Mode gekommenen Welt-Rettungs-Verein attac bei. Die schickten mir dann immer so Blättchen. Unter anderem mit dem Ratschlag „Think global, act local!“
Auf dem Weg zum Lidl-Einkauf dachte ich, wie ich es oft tue, darüber nach, welches meine Lieblings-Beatles-Platte ist. Auf „Meet the Beatles“ waren viele gute Lieder, überlegte ich, aber sie schied trotzdem aus, weil nur die Hälfte der Lieder Lennon/McCartney-Kompositionen waren. Der Rest waren Covers. Dann stand ich am Lidl. Und da kam der Satz: Meet the Oeser at the Local Lidl. Und ich wusste: Das wird ein Lied. Denn der Satz erklang direkt zum Gitarren-Riff von „Disco 2000“ von Pulp in meinem Kopf.
Zu Hause schrieb ich den Satz auf und vergaß ihn wieder.

Ein Jahr später fand ich ihn wieder in meinem Ringbuchblock. Inzwischen war ich richtiger Lehrer und unterrichtete meine erste eigene Klasse. Die Lebensumstände dieser Kinder waren der Wahnsinn und sie selber waren es auch. Und ich war auf dem besten Weg es selber zu werden. Es war trostlos.
Ich machte mit ihnen Adjektive. Und das Gedicht mit der „grauen, grauen Stadt“. Und da hatte ich die Idee, über meine Schüler Benny und Jessica zu schreiben. Und wie sie so leben und was sie so machen. Das tat ich.
Als ich den anderen das Lied vorspielte, sagten sie: Oh nö, Disco 2000, das kannst du nicht bringen, Ens. Also ändere ich die Begleitung in das Synthie-Riff von „Sommersprossen“ von UKW. Das kannten sie nicht. Fertig war das Lied.

Wir nahmen es in Arkus enger Konstanzer Kellerwohnung auf. Alles programmiert. Hauptsächlich von Arkus. Die E-Gitarre und die Keyboard-Streicher sind auch von mir. Und Arkus hat alles schön zusammengebastelt.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Die Geschichte zum Lied: Local Lidl

  1. Jürgen Jünger schreibt:

    Schön ist der Satz: Ich dachte viel über die Rettung der Welt nach …

    • Ens Oeser schreibt:

      So war das. Genau das habe ich gemacht. Nach der Bundeswehr war mir klar geworden, dass die Welt auf die James-Bond-Art kaum zu retten sein wird. Man würde es eher wie Ghandi angehen müssen. Da kam attac gerade recht.

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