Aller-Letzte Bombe: Ich war mal bei der RAF – Letzter Teil des Bekennerschreibens

Herbst 1988
kJNtK9-Y_JUEs roch nach Herbst. Es war eigentlich nicht zu fassen. Diese Mischung aus kalter Luft, die nach feuchter Erde und nassem Laub riecht. Und dazu immer dieses honigfarbene Licht. Nicht richtig hell, aber die Sonne steht immer so, dass es einen irgendwie blendet. Tagsüber ist es warm und dunstig, abends schleicht in der frühen Dämmerung der klamme Nebel an. Toll.
Wir saßen bei Örg im Hobbyraum und hörten The Cure. The Cure ist in der Musik das, was bei den Jahreszeiten der Herbst ist. „It doesn’t matter if we all die“, sang Robert Smith. Und so fühlten wir uns. Wir saßen in Gartenstühlen um die Bombe herum. Sie lag schwarz und gefährlich glänzend auf dem Boden. Der RAF-Schriftzug war erneuert.
Alle waren da. Und die Frage, die Ichael vor einer Minute gestellt hatte, hallte immer noch unbeantwortet im Raum nach. Wo sollte die Bombe gezündet werden?
„He, kommt“, sagte ich schließlich, „wir sprengen den Empter in die Luft!“
Arkus schnaubte verächtlich. Sonst sagte keiner etwas.
„Voll die blöde Sau, der Typ“, bekräftigte ich deshalb meinen Vorschlag.
Der Empter war ein psychisch Kriegsversehrter, der uns das Leben beim Bombenlegen schwer machte. Er hasste jeden, Jugendliche besonders und von denen, ganz besonders uns. Dachten wir jedenfalls.

„Ihr spinnt doch“, schimpfte Arkus, „RAF! He, wenn euch die Polizei erwischt, die erzählen euch was!“
„He“, rief der Immelpfennig und lachte heißer, „wir machen einen Anschlag auf die Bundeswehr.“
„Genau“, stieg der Örg begeistert ein, „bei der Kaserne, und dann geht so der Alarm los…“
Jetzt übernahm ich: „… und die Soldaten rennen so raus und ballern so rum…“ Ich machte es vor und untermalte das mit „dadadadada“.
„… und dann kommen die Bullen und lochen euch ein“, schloss der Arkus lakonisch.
„Quatsch“, wischte ich seinen Einwand weg, „das wird voll geil!“
„Und dann am nächsten Tag so im Südkurier: Terror in Pfullendorf! RAF?“, freute sich der Örg schon.
„Die Bullen sind doch viel zu blöd, die kriegen uns sowieso nicht“, meinte der Immelpfennig. Er musste es wissen. Er hatte ein Mofa mit dem er neunzig oder hundert fahren konnte. Und man erzählte sich, er sei den Bullen schon X-fach entwischt.
Wir lachten noch ein bisschen und bestätigten uns gegenseitig wie blöd die Bullen seien. Und dass wir längst über alle Berge sein würden, wenn die Soldaten rausgestürmt kämen und rumballerten. Darum sei das mit der Bombe bei der Kaserne auch nicht so gefährlich.
Örg hatte inzwischen „Copperfield“ von Phillip Boa aufgelegt. „Kill Your Ideals“ schepperte aus den Boxen. Es kam mir vor wie ein Aufruf. Kill your Ideals, zünd die Bombe! Und ich spürte, ich würde ein anders Leben leben. Ich würde nicht zum Bund gehen, ich würde wild und frei in Berlin leben. Als Punker. Mit Band. Ärzte, Tote Hosen, Goldene Zitronen, Abwärts und so.

„He echt“, sagte Arkus, „ihr spinnt wohl!“
„Jetzt komm“, versuchte ich es gar nicht erst mit Argumenten.
„Jetzt gehen wir einfach mal los und dann sehen wir ja“, sagte Ichael und stand auf.

Im Bergwald hatten wir die Mofas und Fahrräder am Feldweg abgestellt. Dann hatten wir uns der Kaserne zögerlich bis zur Straße genähert. Es war uns plötzlich so vorgekommen, als sollten wir doch nicht all zu nahe an den Zaun heran. „Scheiße“, hatte der Eber gesagt, „wenn die echt schießen, ich bin nicht wahnsinnig!“ Und da hatte er etwas ausgesprochen, was wir alle ein bisschen beschämt in uns hinein dachten. Vielleicht wollte ich ja doch lieber Notar oder Justiz-Vollzugsbeamter werden. Mit einer Vorstrafe wegen Bombenlegen würde das aber schwierig werden.
Örg hatte extra ein Schäufelchen mitgenommen. Damit budelte er jetzt das Loch. Auch das kam mir irgendwie unterroristisch vor. Mit einem Gartenschäufelchen!
„Funktioniert doch eh nicht“, raunte Arkus mir zu.
Als ein Auto vorbei fuhr, flüsterte der Eber hastig „runter“ und wir warfen uns hin. Als wir wieder aufstanden gaben wir alle ein nervöses Höhö von uns.
„Also“, rief Örg, „jetzt kann’s losgehen.“

Die Bombe explodierte. Aber nur wir sahen es. Außer uns nahm es keiner wahr. Kein Geballere, keine Polizei, kein Terrorismus. Nur ein Knall. Und wir alle spürten erleichtert: Unsere Terroristenkarriere war hiermit zu Ende. Und keiner hatte gemerkt, dass wir kurz Terroristen gewesen waren. Wir wurden älter und richteten uns in einem Leben ohne Band, Punk und Bombe ein. Wir fanden heraus, dass Gewalt grausam ist. Vor allem gegen so arme Schweine wie gegen den Empter.
Damals im Herbst nach dem Knall bei der Kaserne wussten wir das alles noch nicht. Damals nahmen wir uns vor, eine noch größere Bombe zu bauen. Aber schon in dem Moment, in dem das ausgesprochen wurde, war klar, dass es nie passieren würde. Stattdessen fuhren ins Deutsche Haus, spielten Tischkicker und tranken ein großes Glas Biber Bräu. Zum feiern. Es liefen die Sisters of Mercy.

Aber eines muss man sagen: Die Bombe ist sehr schön explodiert. Es war ein krönender Abschluss.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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