Furz-Bombe: Ich war mal bei der RAF – Vierter Teil des Bekennerschreibens

1988
Und dann kam der Immelpfennig mit dem Stoßdämpfer. Stoßdämpfergehäuse. Er sah aus wie eine überdimensionierte Sahnekapsel. Aber schwarz und bösartig. So groß wie ein Unterarm.
Die Bombengruppe war inzwischen auf sechs Leute angewachsen. Neben Örg, Ichael, Rno, dem Eber und mir, saß da jetzt auch der Immelpfennig (dessen Mofa angeblich 90km/h lief und keine Treter hatte). Manchmal schaute auch Arkus vorbei und sage: „Ihr seid total abartig! Was soll der Scheiß eigentlich?“ Und ich antwortete dann mit einem Zitat aus dem Werner-Enke-Film „Nicht fummeln, Liebling!“: „Protest Junge, das ist Protest!“ Und Arkus sagte dann: „N’Scheiß!“
Ichael und der Eber waren mit ihren Mofas zum Depot gefahren und hatten riesige Mengen Welthölzer gekauft. Und wir saßen da, knapsten die Köpfe ab, zermalmten sie und aßen neben her Volkorn-Salami-Brot von Örgs Mutter.
Jetzt muss ich zugeben: Auf dem Weg zur Großbombe gab es auch Rückschläge. Örg und Ichael verfolgten die im Prinzip logische Idee, dass das Streichholzpulver explosiver sein würde, wenn man die Anzündfläche an der Schachtel abschabte und in das Streichholzpulver mischte. Hinterher war ihnen natürlich auch klar, dass das nur vom Grundsatz her eine kluge Idee war. Denn praktisch entzündete sich diese Mischung natürlich, wenn man sie in einem Mörser miteinander verrieb. Und zwar mit einer erstaunlich heftigen Stichflamme, wie die beiden feststellen mussten. Das gab böse Brandblasen.
Bei der weiteren Suche nach Sprengkraft mussten Örg und Ichael sich die Splitter von zerstobenen Reagenzgläsern aus den Fingern operieren. Was sie damit gemacht haben? Keine Ahnung! Mir wurde das immer rätselhafter. Genau wie auch der Chemieunterricht in der Schule. Aber mein Respekt vor diesen Genies der Chemie und der Sprengkraft wuchs im gleichen Maß wie mein Durchblick schwand. Sie schonten sich nicht für den großen Knall, das muss man sagen.
Als Örg und Ichael das Ding zulöteten war ich nicht dabei. „Ich bin doch nicht wahnsinnig“, sagte ich zu Arkus, mit dem ich an diesem Nachmittag Musik machte. Wir nahmen eine Coverversion des George-Michael-Liedes „Faith“ auf. Danach gingen wir zu Örg und Ichael. Sie lebten noch. Arkus und ich hatten eigentlich erwartet, sie aus den rauchenden Trümmern des Hobbyraumes ausgraben zu müssen.
„Ja und jetzt?“, fragte der Arkus. „Jetzt zünden wir“, antwortete der Örg. Und als wir gerade auf dem Weg zur Haustüre waren, sagte der Örg: „Halt, ich hab was vergessen!“ Wir kehrten um, er packte den Sprengkörper wieder aus und nahm einen fetten Edding zur Hand. „Da muss was drauf stehen“, sagte er grinsend.
„Empter du Sau: Stirb!“, schlug ich vor.
„Ui, jetzt wird’s persönlich“, grinste Arkus.
„Dann halt, dann halt…“, überlegte ich weiter.
„Bumm“, schlug Rno vor.
„Irgendwas mit RAF“, sagte ich.
„Genau“, sagte der Örg, nahm den Edding und schrieb „Gruß von der RAF!“
„Toll, Örg, ganz toll“, maulte Arkus.
„Selber toll“, maulte der Örg zurück und stand auf.
Wir anderen machten höhö und hoho und stießen uns in die Seite. Dann gingen folgten wir dem Örg.
Erst als wir vor der Haustüre standen ging uns auf, dass wir keine Ahnung hatten, wo die große Explosion stattfinden sollte. Mein Vorschlag, man solle die Bombe in Empters Garten hochgehen lassen, stieß auf Ablehnung. Ich sah es ein. Empter wohnte direkt vor der Polizeistation. Unsere Wahl fiel auf die Friedhofsmauer. Außen. „Da stören wir keinen“, sagte Ichael.
Es dämmerte schon. Örg steckte das Ding in einen Acker neben der Friedhofsmauer. Dann zündete er mit einem kleinen Feuerzeug die Zündschnur. Wir wichen ein paar Schritte zurück und schauten der Zündschnur beim Abbrennen zu. Dann tat es einen ordentlichen Zisch, so wie wenn man eine geschüttelte Sprudelflasche aufdreht. Funken stoben und die angelötete Kappe sprang ab. Kein Knall. Keine Explosion.
„Oh Örg“, hämte der Arkus, „das war ja mehr ein Furz, als eine Bombe – von wegen RAF!“
„Selber Furz“, sagte der Örg verärgert und näherte sich vorsichtig dem Furzobjekt.
„Ich glaube“, sagte Ichael, „wir müssen das zuschweißen.“
Der Örg nickte.
„Seid ihr bescheuert“, lachte Arkus auf, „schweißen? Eine Bombe? Die explodiert doch!“
„Nicht, wenn man es richtig macht“, meinte der Örg in sachlichem Tonfall.
„Nicht, wenn man es richtig macht“, äffte der Arkus ihn nach.
Aber da war es beschlossen.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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