Versuchs-Bombe: Ich war mal bei der RAF – Dritter Teil des Bekennerschreibens

1986/87
Örg stieg von Pappmache auf  daumengroße Sahnekapseln um. Die Ähnlichkeit der Kapseln mit den Fliegerbomben des Zweiten Weltkrieges hatte ihn auf diese Idee gebracht. Er beschäftigte jetzt Ichael, Rno, den Eber und mich damit, dass wir bei Streichhölzern mit einer Zange die Köpfe abklemmten, sie zermalmten und das Pulver aussiebten. In seinem Hobbyraum lagen haufenweise leere Weltholzpackungen. Das Pulver stopfte er in die leeren Sahnekapseln. In die gestopften Kapseln steckte er die Zündschnüre von alten Silvester-Krachern. Dann drehte er die Kapseln am oberen Ende zu. Sie sahen aus wie kleine, metallene Schultüten.
„Ihr spinnt doch“, sagte Arkus, der sich weigerte mitzumachen, uns aber fasziniert bei der Arbeit zusah.
sahnekapselBei den ersten Versuchen verzischte das Pulver durch die Zündschnuröffnung, die nur mit einer Zange zugedreht und mit dem Hammer plattgeschlagen war. Doch Örg verfeinerte seine Verschlusstechnik immer mehr, bis die Dinger tatsächlich den Ast eines Apfelbaumes abrissen. Gut, es war ein sehr alter und ziemlich morscher Apfelbaum und der Ast war auch schon ziemlich abgestorben. Aber wir waren begeistert. Wir fühlten uns stark. Wir hatten die Bombe.
Aber gerade als wir mit großem Höhoho und Hähaha um den Apfelbaum herumstanden, kam der Empter. „Ihr Saubande“, schrie er, „was machet ihr da, Saubande!“
Der Empter war ein Feind der Jugend. Und der Ausländer. Und von Menschen im Allgemeinen. Besonders aber von denen, die überraschend hinter ihm auftauchten. Mein Vater hatte mir erzählt, er sei im Krieg Matrose in einem U-Boot gewesen. Das Ding sei gesunken und der Empter mit knapper Not mit dem Leben davon gekommen. Seither sei er allerdings etwas seltsam. Und das stimmte. Ich selber hatte gesehen wie er bei einem Bierfest einen Typen umgehauen hatte, der ihm die Hand auf die Schulter gelegt hatte. Das hatte ihn erschreckt und: Zack. Der Mann war auf seine Art auch eine Bombe.
Jetzt also stürmte er zusammen mit seinem Dackel auf uns zu. „Scheiße“, zischte der Rno, „der Empter!“ Der Örg klaubte schnell seine zerfetzte Sahnekapsel auf, dann rannten wir zu unseren Fahrzeugen. Der Empter kam immer näher. Der Rno hopste auf sein Mofa und fing an zu treten, um das Ding zu starten. Der Empter war fast da und hob drohend seinen schwarzen Schirm. „Saububen!“, schrie er. Da knatterte der Motor, ich hopste auf den Gepäckträger. Der Empter schleuderte uns den Schirm hinterher, verfehlte uns aber. Die anderen waren bereits davon gestrampelt.
„So ein Arsch“, sagte Arkus, als wir uns beim Örg wieder sammelten und alle kleine Atemwölkchen in der Herbstluft bliesen.
„Mit so einem alten scheiß Nazi würde die RAF kurzen Prozess machen“, schnaufte ich. Das mit dem kurzen Prozess hatte meine Mutter irgendwie mal im Zusammenhang mit der RAF und irgendwelchen Politikern gesagt.
„Jetzt hör doch auf“, entsetzte sich Arkus, „das ist doch kein alter Nazi!“
„Da brauchst du keine Bombe“, sagte der Eber und röhrte, „dem hau ich so aufs Maul!“
„Schon klar, Eber“, sagte Arkus argwöhnisch, „deshalb bist du ja auch als erster auf dem Mofa abgefahren.“
Aber da war sie in der Welt. Die Idee mir der RAF-Bombe.
„Wir brauchen was Größeres“, stellte der Örg fest, der an seinem Schreibtisch saß und über der zerfetzten Sahnekapsel brütete.
Und da kam der Immelpfennig mit dem Stoßdämpfer.

Fortsetzung folgt!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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