Erste Bombe: Ich war mal bei der RAF – Zweiter Teil des Bekennerschreibens

Frühling 1985
Mit zwölf verwandelte sich mein Freund Örg in einen Bombenleger. Es hatte nichts mit Politik oder langen Haaren zu tun. Es ging nur um den Knall. Der Knall war cool. Es war mehr so „Jugend forscht“.
jugend_forscht_kleinDie erste Bombe war aus Pappmaché. Ihr Kern bestand aus dem Pulver alter Silvesterkracher und einem Lampenkabel mit einer kaputten Glühbirne darin. Rund herum ein fetter Pappmache-Knödel. Örg hatte in das Knallerpulver den Glühbirnendraht gesteckt. Der Strom würde ihn zum Glühen bringen. Und dann: Bumm!
Mehrere Versuche, die Bombe hochgehen zu lassen, scheiterten. Der Pappmache-Knödel war wahrscheinlich innen noch feucht. Aber nach Wochen Trocknungszeit wagten wir an einem Samstagnachmittag einen weiteren Versuch. Wir legten den Knödel auf die Straße. Örg steckte das Lampenkabel in seinen Eisenbahntrafo, dann den Trafo in die Steckdose. Wir stellten uns vor, dass wir den Strom am Trafo aufdrehen würden. Und dann würde die Bombe mit einer Wahnsinns Explosion hochgehen. Wie in den Filmen, wenn die Autos explodierten.
Wir gingen in Deckung hinter einem rosa und weiß blühenden Busch. Örg drehte den Strom auf, wir legten die Köpfe auf den Boden. Nix. Wir warteten. Nix. Wir hoben die Köpfe. Nix. Örg drehte den Strom wieder ab. Wieder auf. Wieder ab. Wieder auf. Nix. Keine Explosion. Wir waren enttäuscht.
Örgs Vater kehrte gerade die Straße und hatte uns amüsiert zugeschaut. Jetzt kam er mit dem Besen in der Hand zu uns.
„Klappt’s“, fragte er grinsend. Wir schüttelten die Köpfe. Örg wollte noch einen letzten Versuch wagen und drehte den Strom auf. Gebannt schauten wir zu dritt nach der Bombe. Es geschah nichts. Da lachte der Vater lauthals. Und dann knallte es. Völlig unerwartet. Ohrenbetäubend. Wir zuckten erschrocken zusammen und schauten uns verschreckt um. Es schneite Zeitungspapierschnipsel. Es war wunderschön. Wie eine Konfettiparade in New York. Die Straße, der Garten, alles wurde von ihnen bedeckt.
Wortlos drückte der Vater Örg den Besen in die Hand und ging weg. Dann drehte er sich nochmal um, machte eine Kehrbewegung und sagte: „Auf!“
Wir lernten: Nie am Samstag Nachmittag Pappmache-Bomben zünden. Überhaupt: Bomben aus Pappmache waren irgendwie blöd. Dann räumten wir auf.

Fortsetzung folgt!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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