Die letzte Bombe: Ich war mal bei der RAF – Erster Teil des Bekennerschreibens

Herbst 1988
Vor uns lag die Kaserne im Licht des Frühherbst-Nachmittags. Die Kasernengebäude waren rosarot gestrichen. Was, so fragte ich mich, war das für eine Aussage über die Bundeswehr? Egal, ermahnte ich mich selber, denn jetzt ging es ums Ganze. Wir lagen auf dem Bauch. Örg, Arkus, Ichael, Rno, der Eber und ich. Unsere Bombe hatten wir etwa zwanzig Meter vom Kasernenzaun eingegraben. Es war eine Höllenmaschine. Ein Autostoßdämpfer. Hochexplosiv. Jetzt musste nur noch die Zundschnur angezündet werden.
image_preview„Jetzt mach“, sagte Arkus gedämpft zu Örg.
„Wieso ich?“, fragte Örg zurück, „mach du doch!“
„Es ist deine Bombe“, maulte Arkus.
„Ja aber du wolltest doch unbedingt…“, pampte der Örg.
„Was wollte ich?“, zischte Arkus gefährlich.
„Gib mal das Feuerzeug“, sagte Ichael sanft. Der Örg reichte es ihm. Er ging zur Bombe und zündete die Zündschnur an. Dann rannte er geduckt zurück und hechtete in Deckung.
Oh, ich sah es schon vor mir: Explosion, Krater, Alarmsirenen in der Kaserne, hektische Soldaten, die panisch herum rannten, sich mit der einen Hand die Helme auf dem Kopf festhaltend, in der anderen Hand das G3, Befehlsrufe … Wir wollten ja niemanden verletzten, oder irgendwas kaputt machen. Wir wollten einfach nur das Schweinesystem erschrecken. Das war alles.
Dann knallte es, ein bisschen Erde wurde aufgeworfen und ein wunderschöner Rauchpilz stieg auf. Wie bei einer Atombombe. Die Kasernengebäude warfen das Echo des Knalls zurück.
Wir drückten uns auf den Boden, wie wir das in „Rambo II“ gelernt hatten. Ich war ein bisschen enttäuscht, dass kein Dreck über uns spritzte, so wie sich das gehörte. Und eine Druckwelle war auch nicht zu spüren.
Vor der Kaserne tuckerte ein Traktor in Richtung Aftholderberg vorbei. Der Bauer am Steuer schaute sich nicht mal um.
Wir hoben langsam die Köpfe und atmeten schwer. Plötzlich wurde mir ein bisschen bang. Was würden meine Eltern sagen, wenn ich jetzt beim Bombenlegen verhaftet werden würde? Vielleicht war es ja doch ein Fehler gewesen, hier mitzumachen…
Andrerseits ließen die Vertreter des Schweinesystems sich ganz schön Zeit mit dem Alarm. Die Sekunden und Minuten begannen sich zu dehnen. Es blieb ruhig. Eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten. Die Sonne sank. Vier Minuten, fünf Minuten. Ein roter Audi fuhr vorbei. Keine Straßensperre. Keine Panik. Nix.
„Die Penner in der Kaserne haben das gar nicht geschnallt“, fluchte Arkus, „so eine scheiß Bombe, ich hab ja gleich gesagt…“
„Was“, bremste der Örg ihn beim Schimpfen aus, „was hast du gesagt, bau du doch eine bessere Bombe…“
„So ein Blödsinn überhaupt“, schimpfte Arkus weiter, „Bomben bauen.“ Er war enttäuscht.
Aber ich, wenn ich ganz ehrlich zu mir war, fühlte mich erleichtert. Erst jetzt merkte ich, wie sehr ich mich beim Liegen verkrampft hatte.
Da stand der Eber auf und lachte. „Aber geiler Atompilz“, sagte er. Da standen wir alle auf. Wir fühlten uns ein bisschen wie Oppenheimer und seine Männer. Und an dem Gewitzle und Gekichere der anderen merkte ich, dass ich mit meiner Erleichterung über den ziemlich glimpflichen Verlauf unseres Attentats nicht alleine war.
Wir schlenderten zur Bombe.
„Geil“, sagte Arkus, der jetzt wieder bessere Laune hatte. Der Stoßdämpfer war ziemlich zerfetzt. Aber man konnte noch deutlich lesen, was Örg mit seinem dicken Folienstift darauf geschrieben hatte: „Gruß von der RAF!“
Ja, ich war mal bei der RAF. Die RAF wusste nichts davon. Wahrscheinlich hat sie bis heute nichts davon erfahren. Und so eine richtig offizielle Mitgliedschaft war es auch nicht. Also, ich habe keine Beiträge gezahlt oder einen Mitgliedsausweis bekommen, oder so. Es war mehr so eine gefühlte Zugehörigkeit. Das war 1988. Da war die große Links-Terroristenzeit sowieso schon vorbei. Und wir alle hatten keine Ahnung von der RAF. Wir wussten nur, dass links-sein cool war. Irgendwie das Gegenprogramm zu unseren Helmut-Kohl-Eltern. Beim links-sein durchströmte einen ein identitätsbildendes Ich-bin-nicht-wie-meine-Eltern-Gefühl. Es war der Wahnsinn.
Ich war nie einer, der von Anfang an dabei war. Man kann das schon daran erkennen: In den Achtzigern hörte ich Musik aus den Sechziger Jahren Meine größte Annäherung an die musikalische Gegenwart der Achtziger war die Wham-Platte „The Final“, die sie nach ihrer Trennung veröffentlichten. So war das immer bei mir. Ich kam immer zu spät. Nur in der Schule, da war ich immer pünktlich.
Wir waren Kinderzimmer-Terroristen. Und die Bombe war unsere Mini-Revolution.

Als ich nach der Explosion auf Ebers-Mofagepäckträger ins Deutsche Haus fuhr, sang ich innerlich andauernd „I wanna be fucking me, an no one else“ von den Sex Pistols.

Fortsetzung folgt.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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