Mein langer Marsch (1981-1990-2015)

Im Frühling 1990 war ich 17. Ich stand in einem Plattenladen in Tettnang und wühlte in den Plattenkisten. Und plötzlich, zwischen Rolling Stones und Soft Cell, stand die Platte „Hannibal – Die großen Schlachten“. Ein Gefühl müder, aber euphorischer Erleichterung durchflutete mich. So, wie wenn man nach stundenlanger Suche nach dem Autoschlüssel aufgegeben hat und sich hinsetzt und dann liegt er einfach da. Auf dem Stuhl.

Ohne weiter nachzudenken hielt ich die LP hoch und rief: „Endlich, der zweite Teil!“ An der verständnislosen Reaktion meiner Freunde erkannte ich aber, dass sie nicht so recht verstanden, was an dieser Platte so toll sein sollte. Wie sollten sie auch? „Da drüben“, sagte mein Freund Örg boshaft, „habe ich noch Benjamin Blümchen gesehen, Ens!“ Da lachten sie. Und ich lachte mit. Tatsächlich schämte ich mich auch ein bisschen. Pixies, Velvet Underground, The Smiths, Madness – klar, aber das? Eigentlich war auch ich selber überrascht, über meine Reaktion. Hatte mir diese Platte tatsächlich so sehr gefehlt, ohne dass es mir bewusst war? Das Cover zeigte eine klassische Comiczeichnung mit zwei kämpfenden antiken Soldaten. Ein Römer und irgendwas anderes. Karthager wahrscheinlich. Leicht zu erkennen als Kinderhörspiel.
Da stand ich. Platinblonder Beatles-Kopf, ganz in schwarz, Ray-Ban-Plastik-Sonnen-Brillen-Immitat auf der Nase. Wie bei Sonic Youth auf dem Cover ihrer ersten Platte halt. Römer, dachte ich. Das war doch Asterix-Kinderquatsch! Darum ging es schon rein imagemäßig nicht, dass ich mich über so einen Kinderscheiß freute. Also stellte ich die Platte schnell zurück und suchte weiter nach Ramones, Sex Pistols, Rausch, Iggy Pop, Blondie oder vielleicht sogar Bob Marley.
Es war ein Fehler. Das spürte ich, im gleichen Moment. Ich hätte sie kaufen sollen. Ich hätte schon 1990 ein großes Rätsel meiner Kindheit lösen können: Wie es mit Hannibal dem Feldherrn, Sohn des Hastrubal, weiter gegangen ist, nachdem er die Alpen hinter sich gelassen hatte.
Denn das Hörspiel „Hannibal – Die großen Schlachten“ war die Fortsetzung der LP „Hannibal – der lange Marsch“. Sie erzählte, wie der karthagische Feldherr Hannibal die Alpen überquerte, um Rom zu vernichten. Ich konnte die Platte auswendig mitsprechen, so oft habe ich sie angehört.
Im Februar 1981, ich war acht,  hatte mir meine Mutter fünf Mark gegeben. Im Kaufhaus Eska gab es Hörspiel-LPs im Sonderangebot. Direkt da, wo es zur Rolltreppe ging. Jetzt war ich im Lesen als Zweitklässler nicht ganz so fit. Darum kaufte ich mir die Hörspiel-Platte „Hannibal – der lange Marsch“. Auch wegen des coolen Römers auf dem Cover. Aber wie sich beim Anhören herausstellte, nur der erste Teil. Als ich gebannt vor dem Plattenspieler kauernd darauf wartete, dass Hannibal Rom vernichten würde, war die Platte zu Ende. Auf der Hülle hinten war Werbung für den zweiten Teil. Aber meine Versuche die zweite LP zu finden und zu kaufen, schlugen fehl. 1983 gab ich auf. Die nächsten Jahre ging es plattenmäßig um Elvis, die Beatles, Duran Duran und Falco.
Jetzt sollte man meinen, ja du lieber Himmel, nun ist er 42 und auch ohne Hannibal 2 durchs Leben gekommen, also was soll’s? Vor allem ist er ja Geschichte-Lehrer, da wird er wohl wissen, was der Hannibal für ein böses Ende genommen hat. Delenda carthago und so weiter und so fort. Und da muss ich zugeben: Stimmt. Weiß ich. Aber ich wusste nicht, wie das Hörspiel weiter geht.
Über all die Jahre hinweg bin ich ja dauernd wieder daran erinnert worden. Hannibal wird auf der Platte nämlich von dem 1981 noch gänzlich unbekannten Dieter Pfaff gesprochen. Dem Dicken. Als ich ihn dann im „Fahnder“ sah und später bei „Sperling“ oder „Bloch“ erkannte ich sofort Hannibals Stimme. Und jedesmal musste ich daran denken, was wohl im zweiten Teil passiert. Und dann die blöden Hollywood-Filme „Das Schweigen der Lämmer“, „Hannibal“, „Roter Drache“, dann die Fernsehserie. Hat ja eigentlich nichts damit zu tun. Aber halt der Name des Schurken: Hannibal. Schließlich entdeckten meine Kinder die Platte. Hörten sie an. Wollten wissen, wie es weiter geht.
Aber dann kam ein zweites 1990. Im Internet. Auf Youtube. Natürlich auf Youtube! Soeben hatte ich meinen Plattenschrank geöffnet und da stand die Plattenhülle von „Hannibal – der lange Marsch“. Von einer plötzlichen Erleuchtung inspiriert, tippte den Titel bei Google ein. Und da kam das überwältigende Suchergebnis: Alles da. Auf dem Youtube-Account von mercuriius.
Jetzt nach 34 Jahren kann ich also sagen: Der zweite Teil ist super. Gerade so spannend wie der erste. Aber dann der Schock: Auch er endet mitten drin. Mit der Schlacht von Cannae. Und einen dritten Teil gibt es nicht.
Da stand ich jetzt also mit meinen Kopfhöreren auf den Ohren in der Küche. Den Schlachtenlärm von Cannae in den Ohren. Hannibal macht den Sack zu, die Römer werden aufgerieben. Und dann: Stille. Aus.
Nichts mit: Karthago kaputt, Hannibal Selbstmord und alles. Ich werde mich damit abfinden müssen, dass ich nie wissen werde, wie es mit Dieter Pfaff als Hörspiel-Hannibal zu Ende ging. Und so bleibt mir diese lebenslange Sehnsucht erhalten. Und merke: Das ist auch irgendwie ein schönes Gefühl.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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