Die Geschichte zum Lied: Alles leuchtet


Wir saßen im vollprofessionellen Studio von Arkus herum. Wir waren übermüdet. Popstars arbeiten nachts. Jetzt war es später Nachmittag und ich spielte Laus, Ennis und Arkus mein neues Lied „Alles leuchtet“ vor. Und alle so: schön, schön, fein, fein. Und ich so: Wie jetzt? Irgendwie fehlte mir die Begeisterung. Arkus raufte sich den Bart, schob sich die Brille zurecht und sagte dann: „Ens, das ist „Creep“ von Radiohead.“ Und Ennis und Laus so: Stimmt, deshalb kam mir das gleich so bekannt vor! Und was man halt so für einen Quatsch redet, in solchen Situationen. „Ja, aber“, versuchte ich die Rettung, „das ist doch was ganz anderes hier, das ist doch…“ Aber alle drei schüttelten synchron die Köpfe und Arkus fragte ganz geschäftsmäßig, ob ich noch etwas anderes habe. Da war ich schon ein bisschen beleidigt. Aber es stimmte. Es war eindeutig „Creep“. Shit. Shit. Shit.

Aber der Text, sagten sie, der Text, der ist gut. So schöne Bilder.
Caspar_David_Friedrich_-_Wanderer_above_the_sea_of_fog
Immerhin, dachte ich. Der Text beginnt nämlich mit der Beschreibung von Caspar David Friedrichs berühmten Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“. Das war mir eines Morgens eingefallen, als ich in Tübingen vor dem Schloss auf den Beginn des kulturwissenschaftlichen Seminars „Liebe“ wartete. Da war ich Gasthörer. Da stand ich unter dem roten, frostigen Sonnenaufgangshimmel. Unter mir das neckar-neblige Tübingen, das man natürlich nicht sah. Statt dessen die schwarzen Gipfel der Alb, die wie steile Inseln aus dem weißen Meer heraus ragten. Es war der Wahnsinn. Und da fielen mir die ersten Textworte ein: Ich bin über dem Nebel, ich blinzle in die Sonne, es war ein weiter Weg hier herauf, aber jetzt bin ich hier…“ Und darunter die Melodie von Creep. Aber das wusste ich da noch nicht.
Und nun wollte mir diese Situation total allegorisch scheinen. Ich war verheiratet, ich war verbeamtet und bald würde ich Vater werden. Meine Mutter war vor zehn Jahren gestorben, mein Bruder im Jahr davor. Und jetzt, im Jahr 2006, wurde mir klar, dass alles anders werden würde. Darum beschloss ich, dass aus diesem Lied eine Hommage an meine Jugend werden würde. Die erste Strophe beschreibt meine Familie, die zweite meinen Heimatort vom Dachfenster unseres Hauses aus betrachtet. Magische Momente. (Unter besonderer Berücksichtigung der Tatsache, dass das Gedächtnis nicht an der Wahrheit interessiert ist, sondern an einem Narrativ, aus dem sich eine Persönlichkeit bilden lässt. Aber das nur nebenbei.)
Nach dem Creep-Desaster überarbeitete ich die Melodie. Ein bisschen „Creep“ blieb drin. Aber dann orientierte ich mich an den autobiographischen Liedern von John Lennon. Bis hin zu dem Klavier-Riff aus „Mother“. Ich übte auf dem Klavier meiner Schwiegermutter, wenn niemand im Haus war.

Bei nächsten Aufnahmetermin spielte ich den Jungs das Lied nochmal vor. Laus schüttelte nur den Kopf. „Ist das „Imagine“ oder sowas“. Damit hatte ich gerechnet und mich vorbereitet. Ich empörte mich.
Also holte ich lang und breit aus, dass Musik immer so funktioniere und erinnerte an „Come Together“, für das John Lennon von Chuck Berry wegen Plagiierens von „You can`t catch me“ verklagt wurde, George Harrison für „My Sweet Lord“. Und überhaupt „Back in USSR“ von den Beatles ist ja einfach nur „Back in the USA“ von Chuck Berry und „California Girls“ von den Beach Boys durch den Wolf gedreht. „Alle Musik“, rief ich schließlich, „ist immer Plagiat, okay!“
Da nickten sie und wir machten uns ans Aufnehmen.
Arkus meinte völlig unbeeindruckt, er werde sich bei einer Tantiemen-Klage heraushalten. Ennis meinte einerseits…, aber auch andererseits. Laus war es dann egal und irgendwie sei der Text ja immerhin gut.
In dem Lied gibt es kein Schlagzeug. Wir klatschen. Die Bass-Trommel ist das blaue Studiosofa, auf das ich drauf haue. Wichtig war mir das Beatles-Mäßige Spinet-Solo. Denn in den Achtzigern, die in dem Lied beschrieben werden, waren die Beatles die Größten für mich. Sind sie ja bis heute.
Ennis spielte Bass. Großartiger Lauf. Das macht keine so cool wie Ennis.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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