Pop, Message, Politik – Ein Workshopbericht, letzter Teil

Teil 5: Politische, nicht kommerzielle Musik
„Machen sie immer noch Interviews mit Bands?“, forscht der langhaarige Jackettträger. Büsser krümmt den Rücken und hält sich seine zeppelinförmige Zigarette vors Gesicht, damit der Qualm sein Grinsen verdeckt. Denn er, Martin Büsser, hat genau die Geschichte auf Lager, welcher der Langhaarige entgegenfiebert. Er will hören, dass Büsser mit den wirklich coolen Bands gesprochen hat und es verlangt ihn nach danach zu hören, dass sie tatsächlich so sind, wie er sie sich vorstellt. Und Büsser bedient ihn: „Jetzt nicht mehr so. Aber Anfang der Neunziger hatte ich mal die Ehre Nirvana zu interviewen. Während der Nevermind-Tour.“ Ehrfürchtige Stille tritt ein. Er hat mit IHM gesprochen. Er hat mit Curt Cobain gesprochen! „Das war ganz nett, aber man hat damals schon gemerkt, dass das denen alles über den Kopf wächst. Die hatten da schon 15 Termine an einem Abend und haben angefangen zu merken, dass ihnen das zuviel wird.“ Der arme Curt. Büsser erklärt seinen in Ehrfurcht erstarrten Zuhörern, dass es oft geheißen habe, Curt Cobain sei der erste MTV-Tote gewesen. Er wurde zum Opfer einer unbarmherzigen Vermarktungsmaschinerie. Als die Kulturindustrie entdeckt hatte wie gut sich Cobain gerade durch seine Antihaltung vermarkten lässt, war es um ihn geschehen: Er war die Marke „Lebensmodell Rebell der 90er“ geworden.

Laus sagt zu Büsser: „Aber Cobain wollte das doch. Er wollte groß, reich und berühmt sein. Er hätte kein Video drehen müssen. Er hätte kein unpluggt Konzert, oder eine dick produzierte Platte machen müssen.“ Büsser guckt ein bisschen irritiert und sagt: „Jaja, das schon.“
Aber er versteht es nicht. Er meint, dass die Industrie und die Presse es waren, die Cobain mit ihrer gnadenlosen Verramschung in den Tod getrieben haben. Er sagt: „Cobain musste feststellen, dass die Message seiner Musik nicht auf das mediale Format übertragbar war. Und diese Message war eben die Nähe zum Fan, die Nähe zur Szene.“
Ich beuge mich zu Laus und flüstere: „Das ist eine Heiligenlegende.“ Wer einen dicken Plattenvertrag beim Majorlabel Geffenrecords unterschreibt, der will verramscht werden. Wer Poservideos und Poserfotos von sich machen lässt, der will verramscht werden. Egal, ob Rocker, klassischer Musiker, oder sonst wer. Wer heutzutage Musik macht, träumt von der Platte, die ihn reich, berühmt und unsterblich macht. Wer von der Musik als verkäuflicher Tonkonserve träumt, der träumt davon ein Star zu sein.
Die Tonkonserve ist kommerziell. Aber das ist ja keine Sünde. Cobain wollte den Millionseller und hat ihn bekommen. Jeder von uns weiß, was es bedeutet ein Star zu sein. Wer dabei mitmacht, weiß auf was er sich einlässt. Er wird benutzt werden. Einerseits von der Kulturindustrie, die viel Geld verdienen will mit ihren Stars, andererseits von denen die seine Videos sehen, seine Tonkonserven kaufen. Er wird ein Konsumprodukt, ein Gebrauchsgegenstand. Die Linken sollten das eigentlich wissen, Marx nannte nämlich genau diesen Vorgang „Fetschisierung“ oder so.
Neulich habe ich Bob Dylans Chronicles als Hörbuch angehört. Und da beschreibt Dylan, wie er, der konservative Familienvater, zum Sprachrohr des jungen Amerikas erklärt wurde. Plötzlich wurde er, der gläubige Christ, von sozialistischen Revolutionären belagert, die ihn aufforderten seine Songtexte mit ihnen gemeinsam in die Tat umzusetzen und einen Marsch aufs Weiße Haus anzuführen. Das hat ihn deprimiert. Andererseits beschreibt er in seinem Buch auch ausführlich, dass ihn der Ehrgeiz, unsterblich und berühmt zu sein angetrieben hat, Musik zu machen. So ist das halt.
Nach Lausis Nachfrage tritt erst mal Stille ein. Dann fragt Büsser, ob Musik denn heute überhaupt noch politisch sein könne. Demokratische Musik, regt Laus an, ist selber gemachte Musik. Zu Hause, am Computer.
Nicht kommerzielle Musik, ist Musik, die man gemeinsam macht, gemeinsam singt, gemeinsam musiziert, zu der man gemeinsam tanzt, um zusammenzugehören. Sie führt in einen gemeinsamen Rauschzustand, hat etwas religiöses. Musik, in der man die Gemeinschaft feiert. So wie in der Kirche, oder bei der Internationalen, oder beim Wandern. Ich denke an Nietzsches Äußerungen über das Dionysische in seinem Buch von der „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“.

Konzert und Konserve
Am Abend gehen wir ins Nepi. Und alle anderen sind auch wieder da. Sogar Martin Büsser, der mit einem großen Glas Rotwein zwischen kleinen Gymnasiasten und Sozialpädagogen hin und her schlendert und dabei nicht weiter auffällt.
Dann kommt Skylla auf die Bühne. Vier Mädchen, die „im Durchschnitt 17,3 Jahre alt“ sind. Sie spielen Bass, Gitarre, Gitarre und Schlagzeug. Sie spielen meistens englische Lieder. Sie haben Schwierigkeiten beim Singen den richtigen Ton zu treffen, sind aber gerade durch ihre unprofessionelle und unbeholfene Art hochgradig sympathisch. Die Pausen zwischen den Liedern sind lange, und manche Lieder sind äußerst merkwürdig. Nach jedem dritten Lied sagt die Sängerin von Skylla: „Da drüben am Verkaufstisch gibt es unsere CD. Kauft sie!“ Ich überlege es mir ernsthaft. Lasse es dann aber doch.
Dann kommen die Unborn Chikken Voices.

Der Sänger der Unborn Chikken Voices sagt genau dasselbe, nur geübter: „Am Verkaufstisch gibt es unsere CD „We don’t play guitars“. Geht hin, kauft, sie! Besucht unsere Homepage!“ Sie wollen es. Sie wollen den Millionseller, sie wollen Stars sein. Kann Musik heute überhaupt noch anders sein? Was immer heute Nachmittag im Arbeitsladen gesagt wurde: Hier im Nepi ist die Realität der Musik. Und die ist kommerziell. Plattenmusiker sind Kapitalisten. Immer.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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