Pop, Message, Politik – Ein Workshopbericht, Teil 4

Teil 4: Gangsta-Rap hören
Gangsta Rap finden natürlich alle scheiße. Ist klar. Falsches Lebensgefühl. Der Feind. Die Faschos.

Laus erzählt dass Gangsta-Rap bei ihm in der Schule verboten ist und dass er sich Sorgen macht, wenn Schüler so was anhören. Aber irgendwie sind dann doch alle gegen Zensur, weil das „eh nichts bringt“, weil „die Rechten besorgen sich das im Untergrund – Strich – Internet!“ Also ist es egal. Bei den Ärzten war es auch egal: „Die waren ja auch verboten“, erzählt der mittelgescheitelte Jackettträger, „und ich hatte sie trotzdem.“ Sein Tonfall ist beiläufig, er spielt es runter, aber –hört, hört- er hatte die verbotene Musik! Wow!
Also: Aggro muss nicht verboten werden. Wer’s hören will kriegt’s eh.
Der vollbärtige Waldorfschüler meint, dass es „eine Frage der Bildung und des Wissens“ wäre, wer welche Musik hört. Und er stellt fest, dass man den Leuten „ansieht welche Musik sie hören“ und wenn man das sieht, dann weiß man auch gleich „aus welchem Milieu sie stammen“. Er sagt es nicht, aber er meint es: „Assoziale hören Gangsta-Rap“. Man könnte ergänzen: Künftige Ärzte und Gymnasiallehrer hören linke Musik.
Ganz kurz streift die Diskussion damit das, was an der Geschichte des Pop tatsächlich interessant wäre: Warum und wofür wird die Musik der Lebensgefühlsindustrie von ihren Rezipienten benutzt?

Gleich zu Beginn des Workshops nämlich hat Büsser dazu eine aufschlussreiche Geschichte aus Ulrich Enzensbergers „Kommune 1“ Buch erzählt. Die langhaarigen von der K1 haben sich pausenlos „Streetfighting Man“ von den Stones angehört, bevor sie raus auf die Straße zum fighten gegangen sind. Büsser spottet darüber, weil „wenn man sich mal den Text anguckt, der damit ja gar nichts zu tun hat“. Aha. Die Kommune 1 war also dumm, weil sie beim Straßenkampf ein Lied angehört hat, dessen Text damit nichts zu tun hat. „Das ist arrogant“, flüstere ich Laus zu. Es kommt nicht darauf an, was das Lied, oder Mick Jagger, oder wer auch immer mit dem Lied sagen wollte, sondern wozu diese Leute es benutzt haben und was es in ihnen ausgelöst hat.
Es ist egal, was die Industrie und ihre Marken den Konsumenten verkaufen wollen. Was sie verkaufen und wie es benutzt wird sind nämlich zwei verschiedene Dinge.
Es ist der Verbraucher, der die Dinge, indem er sie gebraucht verändert, ihnen sogar eine grundlegend neue Bedeutung geben kann. Für den Musikkonsumenten und den Gebrauch, den er von der Musik macht, ist es im Prinzip egal welche persönlichen Probleme oder Ansichten der Sänger hat. Die Geschichte des Pop sollte eigentlich erzählt werden, als die Geschichte der Benutzung von verkauften Tonkonserven. Das wäre dann tatsächlich politisch.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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