Pop, Message, Politik – Workshopbericht, Teil 3

Teil 3: Märkte
Büsser benutzt gerne das Wort „Kommerz“, lächelt dabei ironisch und lässt das Wort bei „-erz“ so offiziersmäßig knarren. Es ist ihm dabei klar, dass keiner der Anwesenden, die von ihm auf diese Weise geschmähte Musik hört. Seine Zuhörer versuchen genau so ironisch zu lächeln wie er, um zu zeigen, dass sie bescheid wissen, und lachen kurz auf, wenn er von „…Brittney Spears und Phil Collins oder so …“ spricht.

Der Kommerz, das ist Musik, die für einen bestimmten Markt marktkonform produziert wird. Sie ist nicht politisch und auch nicht authentisch. Sie zielt auf die „breite Masse“, es geht nur „ums Geld“. Es fällt das adornosche Wort „Kulturindustrie“ und alle wackeln bedächtig mit dem bunt gefärbten Haarschopf, jaja, scheiß DsdS. Der wahre und einzige Zweck der kommerziellen Musik ist es, einen Markt zu bedienen. Das finden alle Anwesenden äußerst verwerflich. Sie nicken noch nachdenklicher und blasen den Rauch ihrer selber Gedrehten durch die Nase. Bands, die groß werden haben total durchgeplante Termine und alles. Keine Atmosphäre mehr beim Interview, findet Büsser. Alles ist „durchkommerzialisiert, egal jetzt, ob Independentlabel oder Major.“
Die Diskussion nimmt dann allerdings eine interessante Wende. Denn einer der clevern linken Studenten, er hat vorhin schon mal Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduktion“ zitiert, meint, dass ja auch die Independentlabels ihre Musik für einen bestimmten Markt produzieren und politische Texte oft nur ein Verkaufsargument für drittklassige Musik zweitklassiger Bands sei. Die verblüffende, radikale Erkenntnis, die jetzt für Sekunden greifbar in der Luft liegt, lautet: Auch die nichtkommerzielle Musik ist kommerziell. Sobald ein Interpret seine Musik in Form einer Tonkonserve verkaufen möchte, muss er dafür eine Werbereise machen, sprich: eine Tournee, damit sich die Produktion lohnt. Er muss Werbefilmchen – also Videos – machen und versuchen diese im Fernsehen zu platzieren. Egal welche politische Aussage die Musik hat, zunächst geht es vor allem darum sie zu verkaufen, und zwar an eine ganz bestimmte Zielgruppe, für die diese Musikkonserve hergestellt wurde. Und das heißt: Jede antikapitalistische Tonkonserve ist Heuchelei, wenn sie im Müllermarkt, oder im Mediamarkt oder am Verkaufstisch beim Konzert angeboten wird, weil sie genau damit den Kapitalismus, den sie angreift, reproduziert. Und mehr noch: Der Interpret wird zur Marke, sein eigenes Logo. Er verkörpert das Lebensgefühl, das mit dem Produkt verkauft werden soll. Etwa so wie bei Zigaretten, Alkohol oder Kleidern.
Aber keiner ist so weit diese Erkenntnis auszusprechen. Nicht Büsser und auch seine Zuhörer nicht. Die linken Studenten schielen kurz irritiert, aber der Distinktionsgewinn, der mit der richtigen Musik verbunden ist, ist dann doch zu groß, als dass man ihn einfach mal so dran geben könnte.
Da fällt mir eine verblüffende Äußerung von Hannes Wader ein, der als DKP-Mitglied einräumen musste, dass es sich mit seinen politischen Idealen überhaupt nicht verträgt, eine Mühle an der Nordseeküste zu bewohnen, mit Privatstudio, finanziert aus Plattenverkäufen; und dann auch noch befreundet mit dem Bauernverbandsvorsitzenden von Schleswig-Holstein. Aber Hannes Wader ist ja auch schon über sechzig.
Die jugendlichen Workshopteilnehmer wollen, wenn sie mit roten Backen und den Händen in den Hosentaschen, sich windend vor Büsser stehen, von ihm hören, dass sie die richtige „Marke“ hören. Denn er kennt sich aus mit den Marken. Seine Geschichte der Popmusik ist die Klatsch- und Tratschgeschichte der Marken mit einigen technischen Details. Büsser ist kein Soziologe und kein Kulturwissenschaftler. Er ist unter all den Fans, denen er hier begegnet, der größte Fan. Er ist Popfan. Fan des wahren Pop, des wirklich politischen Pop. Er sagt, er höre heute gerne die androgyne Musik von Blablabla. Ich kenne es nicht, niemand kennt das, wovon Büsser da spricht. Aber darum geht es ja: Das hören, was jetzt noch keiner hört. Und wenn es dann alle hören, dann kann man es scheiße finden. Scheiße ist dann erstens, dass die Leute, die das kaufen, es gar nicht richtig verstehen, und zweitens, dass sich der Interpret total verkauft hat. Man weiß einfach mehr als die Masse. Büsser ist „der“ Fan unter den Fans. Darum kommt von ihm keine radikale, provokante These, wie etwa: Alle Musik die auf CD verkauft wird ist kommerziell. Damit würde er seine Stars verraten und damit wiederum sein Distinktionskapital entwerten. An so etwas hängen ganze Identitätskonstruktionen. Also bleibt er lieber bei der Unterscheidung zwischen Kommerz und Independent.
Auch den Workshopteilnehmern ist nicht klar geworden, dass ihr „Links-Sein“ nichts anderes ist, als das Distinktionskapital ihres Lebensstils, der ihnen von einer Lebensstilindustrie verkauft wird. Ist aber auch nicht so schlimm. Sie haben ja auch alle ein Handy, obwohl dafür in Angola Menschenrechte verletzt werden. Und sie alle essen auch gerne mal bei McDonalds und schmeißen nachher wie selbstverständlich die Packung auf die Straße. Später am Abend werden sie sich dann überlegen, ob sie nicht eine „Armee der Clowns“ gründen und vor dem McDonalds „Aktionen starten sollen“.
In ihrer Welt ist alles personifiziert. Die Macht, das sind die Politiker. Protest, das sind die Leute, die dagegen sind, beispielsweise die coolen Bands und natürlich sie selber. Der Neoliberalismus wurde erst von einem Ökonomen erfunden und dann von Pinochet in Chile durchgeführt, der sein Land dafür zur Verfügung gestellt hat. Ja sogar der elektrische Strom in Frankreich hat zwei Jugendliche umgebracht und damit Unruhen im ausgelöst.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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