Pop, Message, Politik – Workshopbericht, Teil 2

Teil 2: Workshop Pop und Politik?
Disktinktionsprobleme
Martin Büsser, profilierter Musikjournalist und studierter Literatur- und Theaterwissenschaftler, ist Referent des Workshops „Pop, Message, Politik“. Er entstammt unübersehbar einem linken Milieu. Ein schmächtiges Kerlchen mit hoher Denkerstirn und Hornbrille. Kneipenlichtgegerbte Gesichtsfarbe. Eintagesbart. Er trägt eine schwarze Trainingsjacke, die auf den Ärmeln farbige Streifen hat und schwarze Jeans. Er raucht selber gedrehte Zigaretten und sagt sofort zu jedem „du“. Sich autoritär zu verhalten ist ihm unübersehbar zuwider, wenngleich ihm die Notwendigkeit bei einem Workshop vertraut zu sein scheint. Wenn man ihn sieht, erwartet man einen lavierenden, nöhlenden Vortrag mit gequetschter und monotoner Stimme. Aber falsch! Energisch, jedoch mit einem Gesicht, als ob er ein Lehramtsanwärter wäre, der seine erste Stunde allein in der schlimmen Klasse halten soll, erhebt er sich und ruft: „Ja, ich glaube wir fangen mal an …?“ Und dann beginnt er, die Geschichte des Pop zu erzählen.
Die Geschichte des Pop ist bei Martin Büsser die Geschichte der Helden des Pop. Er hat auch Hörbeispiele und Filmausschnitte von den Helden dabei. Zwischendurch raucht er.
Malcolm McLaren, beispielsweise, ist ein Held. Büsser erzählt wie McLaren sich etwas ausgedacht hat, und wie er dies und das entschieden hat, und was dann daraus geworden ist. So ist das bei Helden. Sie treffen Entscheidungen und daraus wird dann das, was wir, die Massen, heute so kennen. Uns, den Hörern widerfährt alles. Unsere Rolle besteht darin die Sachen zu kaufen. Zum Beispiel die Fugs, die schon 1965 keine Instrumente spielen konnten und trotzdem Musik gemacht haben. Büsser spielt uns eine Hörprobe vor. Das Lied heißt „I Shit my Pants“. Es hört sich an als würde eine Horde besoffener Iren im Pub Volkslieder grölen. Nach der Hörprobe wissen wir: Die Fugs sind zurecht ein Geheimtipp geblieben.

Wenn wir cool sind, kaufen wir die politischen, die linken, die progressiven Sachen, wenn wir uncool sind, hören (=kaufen) wir Kommerz oder rechte Musik. Cool ist nur die Musik, die nicht jeder kennt und die sich auch nicht so anhört wie die Musik, die jeder kennt.
Und den wahren Musik-Kenner erkennt man daran, dass er die Musik kennt, die nicht jeder kennt. Das sagt Büsser nicht. Er gibt es zu erkennen. Allein sein zwischen Ironie, Leiden und Ekel schwankender Gesichtsausdruck, wenn er „Phil Collins“ sagt, spricht Bände.
Das Politische an einem Musikstil ist in der Regel Texte mit explizit politischen Aussagen. Die Musik ist meistens nur schmückendes Beiwerk. Das ist aber nicht so richtig cool. Denn eine wirklich wegweisende politische Ausdrucksweise ist laut Büsser nur ein Musikmuster, das die herkömmlichen Musikmuster aufbricht und variiert. Die politische Aussage ist dann: Ich bin anders, ich bin gegen das Establishment! Distinktion eben.
Büssers Zuhörer sind junge Leute, die ein breites Spektrum linker Stile abdecken. Das Spielchen mit der Distinktion beherrschen sie. Am Anfang des Workshops fragt Büsser, welche Musik nach Meinung der Zuhörer denn politisch sei. Darauf hin nennen die Jugendlichen ihm lauter Bands, deren Namen sich anhören wie Insektenvernichtungsmittel oder Horrorfilmtitel. Büsser ist ein wenig enttäuscht, dass keiner auf Hannes Wader gekommen ist – außer mir, aber ich habe mich nicht getraut was zu sagen. Aber so sind sie, die jungen Leute.

Auf dem Sofa fläzt der linke Skin, kahlrasiert, schwarzem Kapuzensweatshirt, weißem Ska-Aufdruck auf der Brust, engen schwarzen Jeans und Springerstiefeln, in die rote Schnürsenkel eingezogen sind. Er raucht – na was wohl: Selbstgedrehte! Viele Mädchen mit asymmetrischen Frisuren, ein bisschen Henna, ein bisschen Farbe. Obligatorisch die Second Hand Trainingsjacke. Auch ein bleicher Bub sitzt mit sediertem Gesichtsausdruck da, ebenfalls ganz in schwarz, mit schwarz gefärbten Bubi-Haaren und einer Lederjacke, an der die obligatorischen Badges und Gegen-Nazis-Aufnäher stecken. Ein mittelgescheitelter Langhaariger mit dunkelgrünem Kapuzenshirt unter dem braunen Second Hand Jackett liegt auf einem der Sperrmüllpolstermöbel. Eine Gruppe sauber angezogener linker Studenten, die ihre Haare kurz geschnitten tragen, durch Hornbrillen aufmerksam gucken, karierte Hemden anhaben und ihre Castromützen tief ins Genick ziehen, bilden ein kleines Sitzgrüppchen rund um Büsser herum. Sie wirken ein bisschen wie das Zentralkommitee der Kommunistischen Partei Kubas Mitte der Sechziger Jahre. Ein Typ im Norwegerpulli mit langen, lockigen Haaren bis zur Schulter und 15 Tagebart strahlt so viel Liebe aus, das um seinen Kopf herum ein Heiligenschein erstrahlt. Ein Öko.
Sie sind alle da und sitzen auf den abgewetzten Möbeln der Jugendhauskneipe. Sie wirken, als wären sie soeben dem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ entsprungen. Ihre Handys fiepen ab und zu und machen klingeling.
Eigentlich sind sie nur da, um von Martin Büsser zu erfahren: Ist die Gruppe, die ich gut finde auch deiner Meinung nach wirklich links? Politisch? Ihr ganzes Verlangen richtet sich auf einen Segen für ihren Musikgeschmack von dem linken Musikjournalisten. Denn sie wissen: Die 68er haben das, was links ist verraten. Das soll ihnen nicht noch mal passieren.
Was für diese Jugendlichen links ist, ist keine Theorie, die man nur mit Hilfe des großen Latinums beschreiben kann. Es ist ein Lebensstil. Es ist eine Frage der Abgrenzung. Es ist die Art, wie sie sich Kleiden, sprechen, die Orte, an denen sie sich aufhalten. Links sein heißt für sie, das unbestimmte Gefühl, dass „die Mächtigen“ korrupt und unfair, vielleicht sogar kriminell sind; dass die meisten anderen angepasste Mitläufer sind; dass die Nazis von der Antifa eins aufs Maul brauchen; dass Umweltschutz und Integration von Ausländern nicht nötig ist, weil sowieso alles besser wäre, wenn irgendwie alles abgeschafft würde … oder so. Ihr Feindbild ist klar. Die Faschos, die Rechten, die Spießer. Aber das kann eigentlich jeder sein, der nicht ihrer Meinung ist. Wenn politisch diskutiert wird, benutzen sie gerne die Redewendungen wie „…man müsste den Leuten mal sagen …“, oder „…das ist nur ein gesellschaftliches Problem …“.
Viele Gespräche zwischen Büsser und seinem Publikum laufen so ab: „Kennen sie die Gruppe Placebo?“ „Ja.“ „Und? Was halten sie von denen?“ „Tja, nu’. Also, mein Fall sind sie ja nun nicht gerade …“ „Aber ich finde, dass die schon politisch sind, also so von der Haltung her, sind die ja schon eher gegen die Gesellschaft und so, oder?“ Sie beschwören den Segen des Meisters! Sie haben Disktinktionsprobleme und erhoffen sich von ihm Gewissheit. Erlösung. Seligkeit.
Liegt ja auch nahe. Wenn Büsser die Geschichte des Pop als Geschichte der exklusiven Elite der Helden und der breiten Masse der Antihelden erzählt, dann wollen seine Zuhörer von ihm, dem Mann, der die Helden von den Antihelden scheidet, ja wissen, ob sie das Richtige, für den von ihnen gewünschten Lebensstil hören. Das Einzige, was daran ein ganz klein wenig althergebracht links ist, das ist das dialektische ihres Begehrens: Der Wunsch elitär und individuell, aber zugleich milieu-konform zu sein. Der Experte, Büsser, soll ihre Konformität einerseits, und ihre Individualität andererseits bestätigen: „Ja, du bist wirklich links, weil du Placebo anhörst.“
Man könnte es Spaßes halber auch als eine Spielart des leninistischen Gedankens einer revolutionären Elite betrachten. Man könnte. Man muss aber nicht. Man könnte ja auch Adorno gelesen haben. Den zitiert Büsser gerne. Das mit dem richtigen Leben im Falschen und so. Aber in den „Studien zum autoritären Charakter“ schreibt Adorno, dass es ein typisches Merkmal des autoritären Charakters sei, an die Macht der großen Männer zu glauben, die den Lauf der Geschichte lenken und großes vollbringen. Dann wäre Lenin aber auch autoritär und das Linkssein uncool. Oder überhaupt Fan-Sein. Neulich habe ich im Radio gehört, dass Lenin gesagt hat, er wolle keine schöne Musik mehr hören, weil ihn das davon abhalten könnte, den Feinden der Revolution so den Schädel einzuschlagen, wie er es tun muss, wenn das was werden soll mit der Revolution.
Adorno übrigens fand Popmusik scheiße. Als Musiker musste er natürlich das schwächliche kompositorische Handwerk anprangern, als Marxist die kulturindustrielle Verramschung. Er war halt auch ein Bildungsbürger, der zeigen musste, dass er was von der Sache versteht.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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