Mein Proplem

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Sankt Martin und der Swarze Ritter standen einander mit erhobenen Schwertern gegenüber. „Fang mich doch, Eierloch!“, rief der Swarze Ritter. „Genau des is‘ mein Proplem!“, antwortete Sankt Martin und haute dem Swarzen Ritter eins auf die Rübe.
So aufregend geht es zu, wenn mein zweijähriger Sohn ganz versunken auf dem Boden liegend mit einem Gummi-Ritter und einem Gummi-Römer spielt.
Und da sieht man, dachte ich, wie wichtig die Vorbilder sind. Weil: „Genau das ist mein Problem“ ist eine meiner Standard-Redewendungen. Immerhin, dachte ich weiter, bin ich hier noch das Vorbild. Mein sechsjähriger Sohn ist nämlich gerade hauptsächlich Cowboy und mein Achtjähriger hat sich nach der Weltmeisterschaft in Manuel Neuer verwandelt.
Sensibilisiert durch diese Gedanken, schaute ich mir am nächsten Tag meine Klasse genau an. Vor mir saßen lauter Gangsta Rapper, Fußballstars, Dschihadisten und R’n B-Queens. Was, dachte ich, soll aus denen bloß werden? „Isch hab den Style und das Geld“, nöhlte einer. Dazu machte er diese typisch rudernden Hip-Hop-Bewegungen.

Kopfschüttelnd ging ich ins Lehrerzimmer. Da saß die Schulsozialarbeiterin. Ich sagte ihr, dass ich wegen der heutigen Jugend pessimistisch sei. Wegen der falschen Vorbilder. Lauter Gangstas. Da fragte sie mich nach meinen Vorbildern von früher. „Na Old Shatterhand und Captain Kirk“, sagte ich. „Also Männer, die mit Gewehren andere Männer erschießen“, antwortete sie in diesem typischen Therapie-Tonfall, dass man sich gleich wie ein Sozialfall vorkommt. Ich verdrehte innerlich die Augen. Äußerlich hätte sie ja bemerkt. Das wäre mir dann peinlich gewesen. Dann schob ich schnell nach: „Aber so mit zwölf dann mehr so Elvis und John Lennon.“ Sie hob die Augenbrauen: „Also Leute mit ausgeprägtem Suchtverhalten? Drogenmissbrauch und C2-Abusus.“ Unsere Schulsozialarbeiterin war in ihrem ersten Leben Krankschwester. Krankenschwestern sagen statt „Säufer“ lieber „C2-Abusus“.
Sie schaute mich herausfordernd an. „Und später dann so?“, bohrte sie weiter. „Mit vierzehn dann eher Sid Vicious und Andreas Bader.“ Da lachte sie. „Ein Drogenabhängiger, der zuerst seine drogenabhängige Freundin aus dem Fenster geworfen hat und dann sich selber und ein linksradikaler Terrorist, na prima – und so einer wird dann Lehrer!“ Ja, dachte ich und wurde langsam sauer. Was sollte das werden? Ein „Du-Warst-In-Deiner-Jugend-Auch-Nicht-Anders-Relativismus-Seminar“? Ich beschloss erst mal nichts mehr zu sagen.

Schweigend saßen wir da. Was hatte ich eigentlich so gut gefunden an John Lennon und Sid Vicious. Die Musik, dachte ich. Und das Image. Kleidung, Körperhaltung. Aber vor allem war super, dass meine Eltern absolut dagegen waren. Und meine Lehrer auch. Bei Andreas Bader auch ganz ohne Musik. „Es ging halt um Abgrenzung“, durchbrach ich das Schweigen, „Konformismus war damals total out, wir wollten schockieren.“ Die Sozialarbeiterin nickt verständnisvoll. „Und womit schockiert man dich?“, fragt die süffisant. Jetzt ging das schon wieder los. Selber Schuld, dachte ich. Sprich nie mit der Sozialarbeiterin über Persönliches. Das weiß man doch.
Ich antwortete nicht. Dachte aber, na mit Gangsta Rappern, Fußballstars, Dschihadisten und R’n B-Queens. Nazis vielleicht noch. Das Eierloch hatt miche gefangen.
Genau des is‘ mein Proplem.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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