Pop, Message, Politik – Workshopbericht, Teil 1

Laus und ich waren beim „Sturm- und Klangfestival“. Auf die Idee, dass man da hin gehen könnte, kam ich, als ich im Cafe Nepomuk beim Frühstück saß. Das Nepomuk ist so ein selbst verwaltetes, linksalternatives Ding. Es gibt dort nur Ökoessen, es bedienen lauter Laien und es gibt einen Stammtisch der „SchwuBeRt“ heißt. Das ist die Schwulen- und Lesbenbewegung. Da weiß man dann gleich Bescheid, wenn die Bedienung einen asymmetrischen Haarschnitt hat und Männerkleider trägt. Vorurteile? Wer ich? Niemals!
Als wir dort also Frühstücken saßen und von den freundlichen und krumm frisierten Frauen in Männerkleidern bedient wurden, haben wir im Veranstaltungskalender vom Nepi (so nennen wir das in Anlehnung an die Puppentrickserie „Hallo Spencer!“) das Sturm- und Klangfestival entdeckt. „Das wäre doch was“, hab ich mir gesagt und folgendes gelesen:

„Wir, das ist bisher eine offene Gruppe von bisher ca. 15 Leuten, Jugendlichen und (jungen) Erwachsenen, die das „Sturm & Klang“-Festival eigenverantwortlich und ehrenamtlich planen und durchführen wollen. …
Bei „Sturm & Klang“ soll das Nachdenken und Spaß haben miteinander verbunden werden. …
Die „Sturm & Klang“- Workshops sollen die Möglichkeit bieten, sich mit den weltweiten Problemen, ihren Ursachen und ihren Folgen auseinander zu setzen. Dazu werden Referentinnen und Referenten Informationen anbieten oder es werden Filme gezeigt. Einige Workshops werden speziell Raum für gemeinsame Diskussion und für die Erarbeitung eigener Sichtweisen geben.
Ein globalisierungskritischer Stadtrundgang steht auch auf dem Programm. Er soll greifbar machen, dass die globalen Probleme sich im Alltag vor Ort widerspiegeln und so auch täglich auf uns einwirken.
Das „Sturm & Klang“- Konzert bringt schließlich Bands auf die Bühne, die auch kritische Gedanken (in den Songtexten) in den Raum stellen, aber vor allem dafür sorgen, dass nach gemeinsamen Nachdenken gemeinsam gefeiert werden kann.“

Zu Hause habe ich mir gleich Sturm-und-Klang-Net angeschaut. Das Foto vom „Planungsteam“ hat mich überzeugt: Da muss man hin! Man sieht zwei Mädchen und einen Jungen, so um die siebzehn. Der Junge trägt ein verwaschenes Kapuzenshirt, die Mädchen Batikzeug und verschnittene Henna-Frisuren. Linke Oberstufen-Arzt-und-Lehrerkinder, die globalisierungskritisch unterwegs sind. Wunderbar.
Per email melde ich mich und Laus an. Kurz darauf kriege ich eine Bestätigungsmail: „Danke für deine Anmeldung“. Jetzt gehören wir dazu.
Wie müssen uns nur noch für einen Workshop entscheiden. Für einen Arbeitsladen. Wir nehmen den, der den Titel „Pop, Message, Politik“ hat. Ich stelle mir vor, wie das wohl abläuft? Gehen wir nachher zum Müller Markt in die Plattenabteilung und randalieren da am Rock-Pop-Regal? Verbrennen wir öffentlich Phil-Collins-CDs? Oder verteilen wir vor dem Media Markt selbst gemalte „Flyer“, auf denen „die Leute“ darüber aufgeklärt werden, dass die Majorlabels für die Silberbeschichtung ihrer CDs Menschenrechte in Afrika verletzen?

Tag X
Am Tag X scheint die Sonne. Aber es ist eisig kalt. Vor dem Haus der Jugend begegnet uns ein Mann mit Bongotasche. „Scheiße“, sagt Laus, „der geht sicher trommeln im Haus der Jugend. Das ist bestimmt unser Workshopleiter!“ Wir sehen uns schon zwischen trommelnden, in Batiktücher gewickelte Hausfrauen, die ihre Seele mit afrikanischem Yekyeke-kokeli-Singsang und arhythmischen Geklopfe befreien wollen. Gott sei Dank biegt der Mann ab und geht durch die Türe des Afrika-Ladens, der diese Figuren aus schwarzem Holz verkauft. Und Bongos. Vourteile? Wer ich? Niemals!
Vor dem Haus der Jugend gammeln überall schon Leute in Secondhandkleidern rum. Die Nickelbrillen glänzen in der Sonne, filzige Rastafrisuren reiben sich an den Krägen der ausgewaschenen Armeejacken. Ab und zu auch der Jeans&Pulli-Träger mit über die Ohren gewachsenen Haaren. Sozialarbeiterchic. Die linke Creme-de-la-Creme ist da. Sogar ein mindestens sechzig Jahre alter Mann, der aussieht wie Karl Marx, aber mit Opa-Jeans und ärmelloser Safari-Jacke. Überall werden eifrig Zigaretten gedreht.
Die Begrüßung findet in der Jugendhauskneipe statt. Abgeschabter Tischkicker. Abgeschabte Stühle. Fleckige Sofas. Die Wände sind mit uralten Plakaten und Aufklebern vollgepappt. Kümmerliche Pflänzchen mit gelbem Nikotinrand stehen traurig auf den Fenstersimsen. Der Raum hat große Fenster, durch die eine warme Nachmittagssonne herein scheint.
Die Mädchen vom Planungsteam kichern beim Sprechen hysterisch und teilen die Workshops ein. Der Sozialpädagoge des Hauses, übernimmt es zu erklären, was Globalisierungskritik und Neoliberalismus sind. Er kichert nicht. Er nöhlt.
Beim globalisierungskritischen Stadtrundgang stehen wir schlotternd unter Coca-Cola- und Telekom-Logos in der Fußgängerzone herum und erfahren von einem blonden Jungen mit abstehenden Ohren, dass die internationalen Großkonzerne alles fest im Griff haben.
Zurück im Jugendhaus stürze ich das Planungsteam in eine Krise. Ich frage nach Kaffee. Den gibt es nicht und jetzt rennen alle durcheinander auf der Suche nach einer Möglichkeit, mir einen Kaffee zu machen. Das ist mir peinlich. Aber es hilft alles nichts. Die rothaarige vom Planungsteam stellt sich neben mich und gesteht mir, dass es keinen Kaffee gibt. „Macht nichts“, sage ich und verdamme still in mich hinein die Unfähigkeit dieser verzogenen Oberstufengymnasiasten, an das wichtigste, Kaffee nämlich, zu denken.

Und dann beginnt der Workshop, der allen Beteiligten noch vor Einbruch der Dunkelheit einen mächtigen Distinktionsgewinn einbringen wird.

FORTSETZUNG FOLGT!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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