Erwachsen sein – eine komplexe Angelegenheit


Jetzt hat neulich meine Frau beim Essen auf den Tisch gehauen und gerufen: „Bin ich eigentlich der einzige Erwachsene hier?“ Da waren meine Kinder und ich erstmal still. Und ich will gar nicht ins Detail gehen, warum sie das gemacht hat. Nur so viel: Sie hatte natürlich Recht.
Aber was soll das schon heißen, erwachsen sein, dachte ich nachher bockig, während ich die Spaghetti von den Stühlen kratzte. „Ist man denn schon erwachsen nur, weil man Spaghetti so italienermäßig auf den Löffel aufrollen kann, statt die mit der Gabel zum Mund zu führen und dann reinzuschlingen bis nichts mehr da ist zum Schlingen“, rief ich meiner Frau zu, als ich unsere rot gesprenkelten Kleider in die Waschmaschinentrommel stopfte. Dann suchte ich nach dem richtigen Waschgang. „Nein“, rief meine Frau zurück, „es gehört auch dazu, dass man weiß, dass Buntwäsche auf 30 Grad gewaschen wird.“ Da fühlte ich mich irgendwie ertappt und sagte lieber erst mal nichts mehr.
Ich ging ins Kinderzimmer. Da saßen meine Kinder. Sechs und acht Jahre alt. „Wann ist man erwachsen?“, fragte ich sie. „Wenn man bestimmen darf, wie lange die Kinder am Computer Shaun-das-Schaf-Spiele machen dürfen, einen eigenen Hausschlüssel hat und Auto fahren darf“, sagte der Sechsjährige. Und der Große schob nach: „Wenn man der Bestimmer ist, arbeitet und Geld verdient!“ Das versöhnte mich irgendwie. Auch wenn die Wäsche nachher irgendwie breiter war als vorher, dafür aber kürzer.
Am anderen Tag beschloss ich, so ganz nebenbei meine Schüler, allesamt Achtklässler, zu fragen, was es heißt, erwachsen zu sein. „Ja, Achtzehn halt“, sagte ein Junge. Ein anderer, der zugehört hatte, fügte hinzu: „He, mit Achtzehn bin ich frei!“ Und er imitierte das Geräusch eines mit quietschenden Reifen davon fahrenden Autos. Einige Mädchen fingen an, von Kindern und Hochzeitskleidern zu reden, da ließ ich das Thema lieber wieder fallen.
Wieder zu Hause fragte ich meinen Nachbarn. Der ist Sozialpädagoge, dachte ich, der weiß das. „Wer die Lohnsteuer ohne Probleme hinkriegt“, sagte er und ging weiter. Bei uns macht die Lohnsteuer meine Frau. Ich kam mir vor wie ein Hochstapler. Ich sah schon die Schlagzeile in der Bildzeitung. „Ens Oe., 42, täuscht sei Jahren vor, erwachsen zu sein…“
Ich gab im Internet „Erwachsen sein“ ein. Da stieß ich auf „Lions-Quest Erwachsen werden“. Was mir und vielen anderen Erwachsenen fehlt, das sind die „Life Skills“. Das habe ich bisher nicht gewusst. Die Life-Skills sind die zehn Gebote des Erwachsen-Daseins. Mein Lieblings-Skill ist „Stressbewältigung“. Der wird so erklärt: „Situationen, die Stress verursachen, erkennen und kontrollieren und sich entspannen.“ Ist für Lehrer ja nicht uninteressant, sowas. Ich erinnerte mich verschwommen an meine morgendliche Reaktion, als die Hälfte der Klasse ohne … aber lassen wir das.
Beim Lions-Quest lernt man sich selber richtig wahrzunehmen, aber auch andere. Man lernt mit seinen Gefühlen umzugehen, man lernt Beziehungen zu pflegen, man lernt kritisch und kreativ zu sein. Wahnsinn. Man verwandelt sich in Spock. Jeder Mensch wird eine Ein-Mann-UNO. Ich freu mich drauf. Was es heißt erwachsen zu sein? Ich weiß es immer noch nicht. Ich glaube, das ist mir zu komplex.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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