Zu Gast bei Ernst Jünger, Teil 6: Die Rückfahrt als inneres Erlebnis

Auf der Rückfahrt überlege ich, was ich an Jünger eigentlich gut finde. Der Regen und ein kaputter Scheibenwischer malen auf der Windschutzscheibe das impressionistische Gemälde einer matschgrün-braunen Noch-Nicht-Frühlingslandschaft. Und da habe ich einen Gedanken, den ich für ziemlich clever und reflektiert halte und der mich etwas aufrechter in meinen Autositz drückt: Vielleicht ist die Faszination deshalb so groß, weil die Beschäftigung mit ihm für mich autobiografische Linien zusammenführt hat, die ich bisher für nicht zusammenführbar gehalten hatte.
Noch nie in meinem Leben konnte ich etwas anfangen mit echter Gewalt. Als Ekrem, ein kleiner kahl geschorener Türkenbub, der immer grinste, wenn er mich mit seinen schwarzen Augen fixierte, und immer einen weinroten, grobmaschigen Strickpullover trug, und dessen Vesperbrote so dick waren, dass er wahrscheinlich seine Kiefer aushaken musste, um sie zu essen – als dieser Ekrem mich, wie mir schien, aus heiterem Himmel angriff – er stieß mich von einer Spielzeugkiste weg – stürzte ich wehrlos zu Boden und weinte. Nicht weil sein Stoß so kräftig war, sondern weil die blanke Angst mich lähmte und erschreckte. Ich traute ihm einfach alles zu. Ekrem grinste nur. Ich prügelte mich nie, ich raufte nie. Vor Auseinandersetzungen, vor allem wenn sie körperlich wurden, hatte ich eine schier wahnsinnige Angst. Und das Schlimme ist: Das hat heute noch zugenommen.
Uniformen faszinierten mich. Nordstaatler und Südstaatler im amerikanischen Bürgerkrieg. SA und SS. Reichswehr und Wehrmacht. Allein schon die Geräusche, welche die Soldaten im Fernsehen machten, wenn sie marschierten oder kämpften. Das Rasseln und Reiben von Leder und Metall. Der Anblick eines alten deutschen Stahlhelms jagt mir heute noch Schauer über den Rücken.
Der metallische Schimmer von Waffen bannte mich. Vor allem der eiserne Colt, dessen glatte Trommel matt stählern leuchtete, löste in mir unbändiges Verlangen aus. Oder das Geräusch des Winchester Repetiergewehrs, wenn es mit dem Spannbügel neu geladen wird, ließ mich erschauern. Auch der Klang des Nachladens beim Gewehr 98, mit dem im Ersten und Zweiten Weltkrieg geschossen und getötet wurde. Ich könnte endlos weitermachen. Das ist eine düstere Verzauberung, der ich mich bis heute nicht entziehen kann.
Zu Hause tobte ich, meine Waffe in der Hand treppauf, treppab und tötete hunderte imaginärer Feinde. Meine Playmobilsoldaten lagen sich in jahrelangen Grabenkämpfen gegenüber, die am Ende keiner überlebte.
Im Fernsehen sah ich „Die Grashüpfer“ und „Im Westen nichts Neues“. Der Rote Baron fesselte mich. Sein Kampf war völlig aussichtslos. Die Deutschen hoffnungslos unterlegen, aber er kämpfte mit ritterlichem Gerechtigkeitsglauben bis zum bitteren Ende. Ich begann mir Revell Flugzeugmodelle von den Fliegern des Ersten Weltkrieges zu bauen und spielte Luftkampf. Die Deutschen gewannen nie, aber moralisch waren sie eindeutig Sieger. Auch Paul Bäumer, der mit zerschundenem Stahlhelm im Schlamm saß, rauchte und wusste, dass er sinnlos sterben würde, prägte meine Spiele. Der überlegene Verlierer, das war mein Lieblingsrollenmuster.

Das liebte ich auch an den (Dienstag 19.30, ZDF) Winnetou-Filmen. Irgendwann würde Winnetou sterben und Old Shatterhand, obwohl hemmungslos überlegen, konnte es nicht verhindern. Oder „Zwei glorreiche Halunken“ mit einem struppigen, staubigen und zerschrammten Clint Eastwood, ein Film in dem ein sinnloser Stellungskrieg, ein überlegener Verlierer und fantastische Revolver vorkommen, einfach toll! Ich saß in meinem Äffle und Pferdle Schlafanzug vor dem Fernseher und stierte auf die Mattscheibe.
Auch futuristische Waffenträger, Captain Kirk oder Captain Future schlugen mich in ihren Bann. Immer Waffen, immer Uniformen und ich wollte immer beides haben. Manchmal baute ich mir aus meinem Schreibtisch und einer Decke eine Hütte, und war Robinson Cursoe. In meiner Hütte waren meine Waffen und mein Proviant, im wesentlichen Sarotti-Schokolade. Erst wurde ich von menschenfressenden Eingebornen angegriffen, die ich mit überlegener Technik dahin meuchelte, dann gab‘s Schokolade, dann griffen sie wieder an, dann …

Mein Bruder und mein Großvater nannten meine Waffensammlung Mordwerkzeuge. Ich wusste, sie hatten Recht.
Einmal spielte ich mit dem Nachbarsbuben, in der Wildei beim Wasserturm. Dort lag allerlei Müll unter den mächtigen Kastanien zwischen Gras und Brennesseln. Wir beschlossen, dass ich ein Polizist sei, der einen ausgebrochenen Sträfling jagt. Er bewarf mich todernst mit dicken Stöcken. Ich konnte gerade noch hinter einem verrosteten Fass in Deckung gehen. Er gab mir keine Chance. Einen Moment lang sah ich sein Gesicht, kalt und stumpf, mit unbewegten Augen schleuderte er die Äste nach mir. Er wollte mir Schmerzen zufügen. Ich war gelähmt.
Einmal beim Feuerwehrfest in Denkingen packte mich ein besoffener am Kragen. Ich gefiel im nicht, darum wollte er mir auf die Fresse geben. Er war grobschlächtig, groß und daran gewohnt zu Prügeln. Er schlug mir an den Kopf, er packte mich am Kragen und warf mich auf den matschigen Rasen. Es war nichts zu holen, er langweilte sich und ließ ab von mir.
Der selbe Typ Mann gefiel mir in diesen adoleszenten Zeiten zwischen 19 und 25 im Kino aber ganz gut. Arnold Schwarzeneggers große Zeit, vor allem aber die Revolution des Actionfilms: Stirb langsam. Da wurde Gewalt gezeigt, wie man sie nie zuvor gesehen hatte, auch nicht bei Sam Peckinpah. Das Blut spritzte aus den Wunden und wurde wie ein Pollock an der Wand verteilt.
Bei der Bundeswehr erkannte ich, dass ich mich ganz und gar nicht für den Umgang mit Waffen eigne. Der Schlitten der P1 schürfte mir den Daumen auf, das G3 schlug mir beim liegend Schießen ein blaues Auge, beim stehend Schießen zog sie mir nach oben weg. Mit dem MG ging gar nichts, weil mich der Rückstoß einen halben Meter hinter die Waffe warf. Außerdem entdeckte ich in mir einen eigenartigen Widerwillen auf diese Pappdeckelmenschenfiguren zu schießen. Klar, dachte ich, jeder kann töten, aber man muss es ja nicht auch noch lernen!
Für meine Abschlussarbeit an der Pädagogischen Hochschule las ich zum ersten Male Ernst Jüngers Bücher „In Stahlgewittern“, „Feuer und Blut“, „Der Kampf als inneres Erlebnis“ und „Der Arbeiter“. Sie beeindruckten mich tief. Jüngers Sprachmächtigkeit erweckte in mir die gewaltästhetischen Gefühle meiner Kindheit zu neuem Leben. Die Front zuckte rot-golden am Horizont, verdreckte Stahlhelmträgerkolonnen, Soldaten in zerfetzten Uniformen mit stacheligen Bärten und starren, blicklosen Augen ziehen matt fort von ihr in die Etappe. Männer mit glänzenden Helmen bewegen sich auf sie zu. In den verkohlten Bäumen rechts und links des Weges hängen die bläulich verwesenden Leichen ihrer Kameraden, umschwirrt von Millionen Fliegen mit metallnen Leibern. Und mitten auf der Straße zwischen den Kolonnen, hebt sich als Schattenriss gegen den blitzenden Fronthimmel ein Reiter ab, der an seinem Stahlhelm zwei Ochsenhörner befestig hat. Ein germanischer Kriegsgott. Der Tod ist gewiss, und sinnlos. Aber was sein muss, muss sein.
Ästhetisierte Gewalt und Nihilismus, also ein überlegener Verlierer. Aber da war noch mehr. Jünger war nach seiner nationalen Kriegsphase zum Philosophen und Schriftsteller geworden.
Ich hatte durch mein Studium die Philosophie entdeckt und verschlang hastig Jaspers, ein bisschen Bloch, Marcuse, Freud und Habermas. Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“, in der es ja auch ein bisschen um Ernst Jünger geht. Dann Adorno und Rudi Dutschke. Ich fühlte mich links. Rechts war inakzeptabel. Dann las ich Jünger. Er hatte sich nie und durch niemanden vereinnahmen lassen. Auch in seinem berühmten Buch „Auf den Marmorklippen“ wird man in eine schwelgerisch, gewalttätige Zeit und Landschaft versetzt.
Krieger und Philosoph. Ich glaube das ist es, was mich fasziniert. Er söhnt die durch die linke Philosophie diskreditierten Gewaltphantasien meiner Kindheit mit meinem heutigen Hang zur Philosophie aus. Wie immer ist egal, was Jünger tatsächlich dachte oder meinte, oder ausdrücken wollte. Wichtig ist das, wozu ich seine Werke gebrauche. Und das ist es, wozu ich sie gebrauche.

Undarstellbarkeit des Grauens
Das Grauen des Krieges ist im Film für uns heute nicht darstellbar. Neulich habe ich den Film „Mathilde – Eine große Liebe“ gesehen. Was man da vom Krieg sieht, das ist vielleicht realistischer, als alles andere, was man zuvor gesehen hat. Kolonnen ziehen vor düster gefärbtem Himmel, Männer werden zerschmettert und zerfetzt. Der Splatter-Horror paart sich mit dem Kriegsfilm. Nichts, was Ernst Jünger nicht auch schon erzählt oder beschrieben hätte. Aber Jünger ist jedem Antikriegsfilm bereits 1925 einen Schritt voraus gewesen. In „Der Kampf als inneres Erlebnis“ gibt es das Kapitel „Grauen“. Er schreibt: „An Stätten, wo das Volk gesteigertes Leben sucht, auf jedem Jahrmarkt, jedem Schützenplatz lockt auf bemalter Leinwand das Grauen in grellen Farben.“ Grauen ist eng verbunden mit „Wollust“, wie Jünger sich ausdrückt: „Auch der Wollust, dem Rausche des Blutes und der Lust des Spieles ist es nahe verwandt. Lauschten wir nicht alle als Kinder lange Winterabende unheimlichen Geschichten?“

Und er hat Recht. Die Action-Filme von heute sind eine zynisierte Kreuzung aus Horror-Film-Effekten, schwarzer Kommodie und Krimi. Das einstige Nieschenprodukt „Horrorfilm“ ist Mainstream geworden. „Wann kommt der Erste Weltkrieg?“, wollen Schüler oft wissen. Sie gieren nach der Wollust des Grauens. Und genau das ist es, was uns ein detailgenauer Antikriegsfilm geben kann, sei es nun „Im Westen nichts Neues“, die ersten zwanzig Minuten von „Der Soldat James Ryan“ oder eben „Mathilde“. Solche Filme haben denselben Effekt auf die Zuschauer, wie ein Horrorfilm, oder die Filme, in denen tatsächlich Menschen ums Leben kommen, die neuerdings von Jugendlichen per Handy vervielfältigt werden. Das ist die Wollust des Grauens. Oder wie Jünger schreibt: „Es gäbe noch viel zu erzählen. […] Doch sind wir Kinder der Zeit ja der nackten Tatsächlichkeiten so überdrüssig geworden. So überdrüssig.“

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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