Rocker im Nationalpark

NationalparkHeute ein Abenteuer von Gastautor Thomas Bookwood:
Thomas Bookwood lebt in den USA und hat bereits ein Buch über seine Abenteuer auf dem ganzen Globus veröffentlicht. Es heißt „Geschichten aus dem Busch“ und ist ein großes Lesevergüngen.

Dösige Stille in der Nachmittagshitze von Glacier National Park. Montana ist hier so nah an Kanada, dass sich nur echte Zivilisationsflüchtlinge hertrauen, verrentnerte Touristen und bekloppte Deutsche. Wir fahren die Going-to-the-Sun-Road entlang, die sich durch die Bergtäler windet. Ähnlich wie in der Schweiz, aber keine Sau lebt hier im Tal, auch kein Almöhi. Bis auf diese kleine, irgendwie
berühmte Bretterhütte, die Kuchen und Eis verkauft, steht hier nix. Deswegen kommen alle hierher gekrochen wenn’s zu heiß wird.
Wir kommen an, parken und stellen uns in eine lange Schlange mit anderen Touristen. Wird vielleicht so 5 Minuten dauern bis wir dran sind. Die dramatische Berglandschaft imponiert so saumäßig, dass sich alle nur leise unterhalten.

Nationalpark CafeDa fängt‘s ganz leise in der Ferne an zu knattern. Es verschwindet kurz und die Hoffnung flammt auf, dass es nur eine Illusion war. Aber nein, es kommt wieder und wird lauter und sofort ist klar: Harley. Das meckrige Knattern lässt nur zwei Optionen zu: Noch ein Rentner, der irgendwas nachholen muss, oder ein echter Rocker kommt da an. Und der kann eigentlich nur an eine Stelle wollen: genau hier her.
Die Warteschlange wird unruhig. Die Bergwelt hallt in der Zwischenzeit wieder vom Gebrüll der Maschine. Alle drehen sich erwartungsvoll zu der Kurve, um die das Teil gleich biegen wird – und da kommt‘s: Echter Rocker. Die Bergwände kreieren jetzt so einen Wiederhall, dass man sein eigenes
Wort nicht mehr versteht. Der Typ knallt sein Motorrad auf den Parkplatz und macht mit einem letzten Donnern den Motor aus. Und diesmal herrscht wirklich Stille. Keiner redet. Der Typ steigt ab. Er braucht den Helm nicht abzuziehen, weil den hatte er gar nicht auf. Dann läuft er langsam und breitbeinig, mit versiffter Lederweste und –hose und in Stiefeln an der 10 m langen Schlange ohne sie durch seine Sonnenbrille auch nur eines Blickes zu würdigen. Wir sehen nur noch den Bart und die langen Haare hinterherwehen, die das Hells-Angels-Logo auf seinem Rücken umschmeicheln. Die Stiefel knallen die Holztreppe hoch – da bleibt er plötzlich wie versteinert stehen.
Alle halten die Luft an. Langsam dreht er sich auf den Fersen um, mustert mit gnadenlosem Gesichtsausdruck die Warteschlange, die er langsam mit den sonnenbebrillten Augen nach dem Ende absucht. Jeder wird einzeln vermessen.
Da bewegt sich plötzlich der Rauschebart und ein paar Zähne werden sichtbar. Und raus kommt eine feine, beinah zittrige Piepsstimme:
„Hey guys, is this a waiting line?“

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Rocker im Nationalpark

  1. atreinerle schreibt:

    Schon wieder Kuschelbärenalarm!! Und das diesmal im Land der wirklich echten Bären.
    Feine Sache.

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