Zu Gast bei Ernst Jünger, Teil 4: Brüder und Insekten

Am 28.06.2006 habe ich das Ernst-Jünger-Haus in Wilflingen besichtigt. Bisher habe ich den Ort angeschaut, das Grab von Ernst Jünger und ich habe den mysteriösen Besucher Herrn Schubert und seine Bekannten kennen gelernt. Jetzt beginnt tatsächlich die Besichtigung!

Frau Millers Stimme nimmt den üblichen Museumsführertonfall an und verkündet, dass die Führung jetzt beginne und dass wir ihr folgen sollen. Von der Haustüre aus gesehen biegen wir links ab und betreten das erste Zimmer. Das ist das Friedrich-Georg-Jünger-Zimmer. Frau Miller referiert routiniert: Ernst Jünger habe dieses Zimmer extra für die Besuche seines in Überlingen lebenden Bruders eingerichtet. In ihm stehen Teile seiner Bibliothek, auch seine gesammelten Werke. Ein Portrait von ihm hängt an der Wand. Ich stehe blöd da mit meiner touristischen Fototasche um den Hals. „Darf ich eigentlich fotografieren?“ frage ich. „Warum nicht?“, wirft Frau Miller mir zu, ohne mich anzublicken. Die Rentner reden belangloses Zeug. Außer Herrn Schubert hat keiner auch nur die leiseste Ahnung. „Wo hat der Bruder denn gewohnt?“ fragen die Frauen und starren pseudo-interessiert von einer Zimmerecke zur anderen. Ich schaue mir die Bücher an.
Dann verlassen wir das F.G. Jünger-Zimmer und steigen die Holzstiegen hinauf. Ich entdecke ein Foto vom Mehlsack in Ravensburg. Frau Miller sieht alles: „Das ist Ravensburg“, sagt sie, „da hat er von 1948 bis 1952 gewohnt. In der Hauffstraße!“ Ich nicke. Aber obwohl ich fünf Jahre in Ravensburg gewohnt habe, weiß ich nicht, wo die Hauffstraße ist. Und auch nicht, dass Jünger dort einmal gewohnt hat.
Die Rentnerrunde ist schon oben. Der Flur ist gleich geschnitten wie unten. Aber hier stehen keine Kommoden. Zur Linken ein Regal, mit Büchern vollgestopft bis unter die Decke. Zur Rechten ein riesiger Schrank aus hellem Holz mit unendlich vielen niedrigen Schubfächern.
Käfer„Das ist die Käferliteratur“, Frau Miller weist zur Linken. „Und das“, sie beugt sich vor und zieht ein Schubfach auf, „sind die Käfer!“ Tatsächlich. Feinsäuberlich aufgespießt, nach Größe und Art geordnet, unter Glas, jeder mit einem kleinen Papierschildchen dran. Die beiden Rentnerinnen kriegen sich kaum noch ein. Sie beugen sich über das Glas und drücken immer wieder ihre verrutschten Brillen mit dem Mittelfinger auf die Nasenwurzel zurück. In „Der Kampf als inneres Erlebnis“ bezeichnet Jünger dieses Verhalten als „Wolllust des Grauens“. Sie ziehen Schubladen heraus und ekeln sich inbrünstig kreischend vor den toten Insekten, die in allen möglichen bizarren Körperformen und Farben vorhanden sind. Auch Frau Miller signalisiert hektische Begeisterung für die Käfer. Vor allem für den Regenbogenkäfer, „wie ich ihn nenne.“
Mir gefällt Ernst Jüngers Haus. Vergrustung. Überall liegt Zeug herum, jeder Quadratzentimeter ist mit irgendetwas bedeckt. Auf den Fensterbrettern liegen Korallen, Muscheln, Messer, Münzen. An den Wänden hängen gerahmte Fotografien, Plakate, kleine Originale. Die Holzbohlen unter dem dicken, abgewetzten Teppich knarren, keine Wand ist gerade.
Herr Schuberts Bass ertönt aus der Höhe des altbackenen Lampenschirms zu uns herab: „Käfer haben keine eigene Farbe, das ist alles nur Lichtbrechung!“ Frau Millers ist begeistert: „Stimmt, stimmt! Ich konnte es gar nicht fassen, wie ich so einen Käfer unter dem Stereoskop gesehen habe und dann … wie ein Gebirge, wie der Grand Canyon!“ „Aber“, Frau Schubert beugt sich noch dichter als bisher über einen Glaskasten mit toten Käfern, „aber die haben doch alle möglichen Farben!“ Dann zuckt und rümpft sie die Nase, ein nervöser Tick, dass die Brille auf ihrer Nase hüpft. „Ja“, Herr Schubert klingt etwas genervt, Frau Miller blickt beunruhigt zu ihm auf und hebt dabei die sauber gezupften Brauen – auch ihr ist aufgefallen, dass das eine ungewöhnlich dämliche Erwiderung war, „aber das ist wegen der Lichtbrechung im Chitin, verstehst du? Das Licht wird re-flektiert“, Herr Schubert spricht mit Bindestrich. Frau Schubert lässt noch einmal ihre Brille tanzen und verstummt beim Anblick des Gesichtsausdrucks ihres Mannes. Für einige Sekunden herrscht eisige Ruhe.
Frau Miller durchbricht die Stille. Sie habe ihm auch mal einen Käfer vom Ätna mitgebracht. Da habe er sich gefreut, obwohl er einen solchen bereits hatte, aber er habe zu ihr gesagt, nicht mit diesem Datum und auch nicht vom Ätna – und ihn seiner Sammlung hinzugefügt. Sie zieht ein paar Schubfächer heraus und will ihn uns zeigen, aber sie findet ihn nicht mehr.
Ich stehe die ganze Zeit dabei und studiere die Bücherrücken der Käferliteratur. Seltsame lateinische Titel. Dann betrachte ich die Bilder an der Wand. Ein Plakat mit einer Bildergeschichte zum Ersten Weltkrieg fesselt meine ganze Aufmerksamkeit. Ich packe meine Kamera aus und versuche ein Foto davon zu machen.
Poster bei Jüngers
Das Gespräch von Frau Miller mit der Gruppe Schubert dringt erst wieder in mein Bewusstsein, als ich mitkriege, dass über die Landtagswahl vom vergangenen Sonntag gesprochen wird. Die Bekannte von Schuberts ist der Ansicht, dass Ute Vogt zu Recht abgestraft worden sei für ihren flachen und platten Wahlkampf. Ihr Mund wird dabei schmal und geht über in zwei steil nach unten zeigende Falten, die ihr Kinn von den Backen abtrennen. Frau Miller offenbart ihren Besuchern, also auch mir, sie habe ihren Kindern am Sonntag noch angerufen und ihnen gesagt: CDU wählen! Oder, wenn das nicht gehe, dann wenigstens die GRÜNEN, denn der Metzger, also der Oswald Metzger, das sei ein Mann, der wirklich was von Wirtschaft verstehe, aber er sei halt in der falschen Partei. Herr Schubert nickt mit seinem Kopf hoch oben neben dem Licht: „Sie haben ja auch versucht ihn loszuwerden!“ Ich nehme das Plakat ins Objektiv und knipse. Die Vogt, meint Herr Schuberts Bekannte, habe von sozialer Kälte gesprochen! Dann feuert sie ein zorniges, nur mühsam gebändigtes und am Ende ins Fortissimo übergehendes Stakkato der rechtschaffenen Entrüstung ab: „Das ist doch Unsinn! Soziale Kälte! In Baden-Württemberg! In Baden-Württemberg! Soziale Kälte! Wir sind doch Geberland! Geberland! Wo ist denn hier, bitteschön, soziale Kälte?“ So spricht nur jemand, der glaubt unter Freunden zu sein. Jemand, der keinen Widerspruch erwartet. Ich senke meine Kamera. Sie sollen mich nicht für ihren Freund halten. Sie regen mich auf mit ihrem Geschwafel. Termin beim Baron blabla, Ute Vogt abgestraft blabla, CDU wählen blabla. Unsicher schaue ich die Frau an und sage zur ihr: „Also“, ich muss mich räuspern, „ich bin Hauptschullehrer, ich weiß, was mit sozialer Kälte gemeint ist.“ Alle gucken peinlich berührt in verschiedene Richtungen. Bisher waren sie unsicher, was sie mit mir anfangen sollen. Aber jetzt wissen sie Bescheid. Falsche Partei.

Fortsetzung folgt!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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