Zu Gast bei Ernst Jünger, Teil 3: Herr Schubert

TreppenhausAm 28. März 2006 habe ich das Ernst-Jünger-Haus in Wilflingen besichtigt. Bisher habe ich aber erst den Ort Wilflingen angeschaut und den Friedhof besucht. Aber jetzt lerne ich endlich Herrn Schubert kennen!

Die Tür steht offen, aber diesmal steht Frau Miller nicht im Weg. Ich nehme die Gelegenheit wahr und betrete den Flur – Bücher! Ich höre jemanden in einem Hinterzimmer hantieren, Frau Miller wahrscheinlich, die die Grabbepflanzung vorbereitet. Es ist ziemlich dämmerig, feucht-kalt, kein Licht. Aber das ist mir jetzt egal. Mit dem raschen Griff, des geübten und süchtigen Buchwühlers, gehe ich die auf Jüngers Kommoden liegenden Stapel durch. Aha! Alles da: Stahlgewitter, Arbeiter, Abenteuerliches Herz, und kleinere Bändchen. Oh Gott, was soll ich nachher bloß kaufen? Mein Atem wird schneller.
„Oh, sie sind schon wieder da!“ Frau Miller steht so lautlos und plötzlich neben mir, dass ich leicht zusammenzucke. „Ja“, hauche ich möglichst nachdenklich, und versuche beschäftigt zu wirken. Sie starrt mich wieder an. Was will sie? Interessieren sich die anderen Leute nicht für die Bücher? Ist es so ungewöhnlich, dass jemand sie beachtet? Oder darf man die Bücher erst nach der Führung …?
Ein Auto fährt auf dem Parkplatz des Schlosses vor. Ein neuer silberner Daimler. Sie sticht an mir vorbei. „Ich glaube …“, höre ich sie von der Tür her. „Herr Schubert?“ ruft sie jemandem zu. Von draußen ist das Zuschlagen von Autotüren und Stimmen zu hören. Frau Miller dreht sich zu mir um: „Das sind anscheinend zwei Ehepaare! Dann sind sie jetzt zu fünft. Dann wird das noch billiger für sie!“ Ich überlege hastig, welches der dünnen Bändchen ich mir zusätzlich vom gesparten Eintrittsgeld anschaffen könnte.
Es sind tatsächlich zwei Rentnerehepaare. Die Männer mit randlosen, leicht bläulich gefärbten Brillen, in Windjacken, längsgestreiften Hemden und Opajeans. Herr Schubert ist ein schlanker und fast zwei Meter großer Riese. Sein Bekannter ist ein kleines und kompaktes Professorenmännchen mit einem Genießerbauch, der die bunten Längsstreifen seines Hemdes konvex aus der farblosen Windjacke hervorwölbt. Herr Schubert hat eine blanke Glatze, mit grauem Ehrenkranz, sein Bekannter hat schönes weiß-gewelltes Haar mit kerzengeradem Scheitel über dem linken Ohr. Beide Männer sind schnauzbärtig wie Günter Grass. Die Frauen haben ihre alten Gesichter in unwürdigster Weise ledrig geschminkt. Beide tragen Jacken, die golden und silbern schimmern und glitzern. Die eine hat ihre Haare in widernatürlichem Winnetou-Schwarz gefärbt, bei der anderen sind sie lila. Aber sie sind allesamt noch unter siebzig und ohne rentnertypische Beschwerden. Die Eheleute Schubert sind aus Biberach gekommen und haben ihre „Bekannten“ aus dem Schwarzwald mitgebracht. Herr Schubert ist Stammgast im Jüngerhaus. Frau Miller erkennt ihn jetzt wieder. Er nennt sie „Frau Miller“. Er weiß Bescheid. Ich werde nicht weiter beachtet, höchstens als eine Art atmosphärische Störung. „Mir solltet halt spätestens um Elf wieder draußen sein“, sagt Herr Schubert auf Festrednerschwäbisch und Blickt aus der Höhe auf Frau Miller hernieder, „mir haben nämlich noch einen Termin beim Herr Baron!“ Bei der Erwähnung des Barons faltet Frau Miller die Hände vor dem Bauch und stiert zu Herrn Schubert hinauf und sagt hoch und leise: „Beim Baron?“ „Ja, um Elf, reicht des?“ erkundigt sich Schubert noch einmal ungerührt. „Sicher! Sicher! Eine Stunde brauchen wir, da schaffen sie’s grad.“ Oho, denke ich, Termin beim Baron? Was sind das denn für adelsgeile Typen? Es ist doch nichts schlimmer als dieses geckenhafte Sich-Mit-Adelsbekanntschaften-Schmücken.

Fortsetzung folgt!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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