Zivilstreife – Sicherheit vs Freiheit

„Das“, sagt der Kleine zu mir, „ist die beste Entscheidung, die sie heute getroffen haben!“ Ich finde das ein bisschen anmaßend. Was weiß denn der, was für Entscheidungen ich heute schon getroffen habe? Oder noch treffen werde?
Ich bin mit dem Fahrrad in der Fußgängerzone gefahren. Jetzt haben sie mich erwischt. Mist! Sie haben keine Uniform an. Der Kleine hat einen Vollbart und ist dick. Richtig dick. Er trägt eine beige, viel zu große Windjacke, ein rot-kariertes Hemd und eine zu kurze Jeans. Er schaut mich herausfordernd an. Der große steht daneben und schaut sich um. Auf seiner Nase sitzt eine dicke Brille, unter seiner Nase ist ein schwarzer Schnauzer. Durch seine dünnen Haare auf seinem Kopf scheint die Kopfhaut hindurch. Aber an der Seite sind sie dicht und so lang, dass sie über die Ohren gehen. Er ist komplett in stonewashed Jeans gekleidet. Warum, so frage ich mich, glauben diese beiden Clowns sagen, mir sagen zu können, was ich wo tun darf?
Klar, es ist verboten mit dem Fahrrad in die Fußgängerzone zu fahren. Aber so ist der Mensch: Was ist ihm ein Verbot, wenn er es straffrei überschreiten kann. Doch gegen genau diese menschliche Schwäche ist meine Heimatstadt eingeschritten. Blau uniformierte Menschen, auf deren Brust und Rücken „Polizeibehörde“ steht, gehen Patrouille. Sie verteilen Strafzettel für Falschparker und für Leute, die in der Fußgängerzone Fahrrad fahren. Aber Menschen sind schlau. Kaum kommt die Streife gehende Polizeibehörde in Sicht, springt der Straftäter trickreich vom Fahrrad. Darum gibt es jetzt auch Zivilstreifen. Mobile Greiferkommandos.
Jetzt haben sie mich gegriffen. Sie haben sich mir in den Weg gestellt und gerufen: „Würden sie bitte mal absteigen?“ Aber so schnell gebe ich nicht auf.
„Warum dürfen sie mir das denn sagen“, frage ich so freundlich es geht.
„Städtische Polizeibehörde“, schnarrt der Kleine.
„Ob sie sich wohl ausweisen könnten?“, bitte ich freundlich.
Jetzt muss man dazu sagen: Ich sitze immer noch auf meinem Fahrrad. Aus Trotz.
Wie eingeübt greifen sie beide an ihre Brusttasche und ziehen einen in Schutzfolie gehüllten blauen Zettel heraus und halten ihn mir vor die Nase. Ein Foto gibt es nicht. Aber oben drüber ist das Logo der Stadt, daneben steht „Polizeibehörde“. Den Rest kann ich nicht lesen. Nur handgeschriebenes Gekrakel.
„Wenn sie jetzt nicht absteigen, müssen wir ihnen eine Verwarnung in Höhe von 10 Euro ausstellen“, sagt der Kleine. Und dann stecken beide ihren „Dienstausweis“ wieder synchron ein.
Das haben die geübt, denke ich. Die waren im Workshop für psychologisch geschulte Polizeibehörden-Heinis. Oder sie haben früher immer „Der Fahnder“ angeguckt. Da war das auch oft so.
Ich frage mich, was passieren würde, wenn ich jetzt flüchten würde? Haben die einen Elektroschocker? Eine Glock mit Sicherung im Griff? Reißen sie mich im Fahren vom Fahrrad, werfen mich auf den Boden, Knie in den Rücken und Handschellen dran?
Na ja, denke ich und steige ab.
Und dann sagt er es: „Das ist die beste Entscheidung, die Sie heute getroffen haben.“
Jetzt guckt der Große zu mir runter. „Halten sie sich bitte an die Vorschriften der Kommune, es ist zu unser aller Sicherheit, vielen Dank!“, sagt er.
Ich nicke. Dann schieben sie ab. Und bevor sie im Gleichschritt verschwinden, machen sie echt diesen SchuPo-Hand-an-die-Mütze-Gruß. Schulung, denke ich, hunderprozentig Schulung.
Ich gehe um die Ecke, steige auf und fahre weiter. Es lebe die Freiheit!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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