Zu Gast bei Ernst Jünger, Teil 1: Wilflingen im Regen – ein Gemälde

HausEinmal habe ich am 28. März 2006 das Ernst-Jünger-Haus in Wilflingen besichtigt. Ernst Jünger, dachte ich, das ist ein Schriftsteller von Weltformat, da kann man schon mal hingehen. Was ich dort erlebt habe, erzähle ich ab jetzt in sechs Teilen.

Es regnet in Wilflingen. Ich bin irritiert. Frau Miller, das ehemalige Mädchen für alles bei Ernst Jünger, steht oben an der Treppe im Türrahmen des barocken Forsthauses, in dem Jünger gewohnt hat. Sie guckt, nein, falsch: Sie stiert mich an. „Sind sie Herr Schubert“, ruft sie mir mit brüchiger Stimme zu, während ich ratlos am Kantstein vor der Eingangstreppe hin und her gehe und nass werde. Zwischen Kantstein und Treppe ist ein Stück matschiger Rasen, aber kein Weg zum Aufgang. Das kann nicht sein, denke ich. Ernst Jünger ist doch nicht jedes Mal bei Regen über diesen Matsch hier gelaufen. Und Kohl und Mitterand auch nicht. Die hatten doch sicher teure Schuhe an und die wären dann dreckig geworden. Was hätte die Weltpresse geschrieben, wären Kohl und Mitterand mit verdreckten Schuhen bei Jünger erschienen? Andererseits, überlege ich hastig weiter, war er ja im Krieg und da hat es ihm vielleicht nichts ausgemacht, also von dem her …
Frau Miller weiß offenbar nicht so recht, was sie von mir halten soll. Ich glaube, ich wirke ziemlich verwirrt. Deshalb kommt sie die Treppe herunter und geht mir – tatsächlich über den Rasenstreifen – entgegen. „Aha“, denke ich. Ich knatsche ihr in meinen wasserdurchlässigen Sambas entgegen und stelle mir vor, wie der schwere Helmut Kohl bei solchem Wetter sicher bis zu den Hüften im Schlamm versunken wäre. Das hätte Jünger dann sicher an den Krieg erinnert, während er mit Mitterand und dem Protokollbeamten zusammen den dicken Bundeskanzler wieder herausgezogen hätten. Dann stehen Frau Miller und ich uns gegenüber. Im Regen. Vor Ernst Jüngers Haus. Im Matsch. Meine Socken: klamm. Frau Miller hat eine türkise Windjacke und weiße Hosen an. Ihre Haare sind blond und sie sieht viel, viel jünger aus, als man sich das bei Jüngers Mädchen für alles vorgestellt hätte. Mitte Vierzig vielleicht. Ich kenne ihren Namen aus dem Internet. Sie betreibt die Buchhandlung Miller. Im Eingang des Forsthauses liegen Bücher von Ernst und Friedrich Georg Jünger auf den Kommoden, dazu ein paar Postkarten. Das kann man kaufen.
„Aber sie wollen auch das Jünger Haus besichtigen?“ Frau Miller nimmt ein wenig die Augenbrauen hoch, wie eine strenge Lehrerin, die fragt: „Hast du deine Hausaufgaben denn auch selber gemacht?“ Sie blinzelt nicht. Sie sieht mir starr in die Augen. Ich kann nicht standhalten und richte meinen Blick auf meine alberne Altherren-Fototasche und versuche in forschem Landserton „Jawohl“ zu sagen. Da senkt sie ihre Augenbrauen und lächelt mir zu: „Brav!“. Wirklich.
Sattelitenbild Wilflingen ist ein Kaff. Es hat 400 Einwohner. 400! Seit 1912 gibt es fließendes Wasser. Seit 1914 elektrischen Strom (zum Vergleich: In Berlin seit 1884). 1975 wurde es von der Gemeinde Langenenslingen eingemeindet. Langenenslingen ist auch nicht gerade der Nabel der Welt. Es hat 3500 Einwohner. Also auch ein Kaff. Kaff vor allem auch deshalb: Wenn man es nicht sucht, dann findet man es auch nicht.
Große Karte
Man sagt das oft einfach so daher: Sigmaringen ist ein Kaff, weil es mitten in der Pampa liegt, oder Pfullingen ist ein Industriekaff, oder Eisenhüttenstadt ist ein Kaff, weil da alle fort ziehen. Aber wer in Wilfling war, der weiß was ein Kaff ist: Ein winziger schwäbischer Ort, dessen einzige Attraktion ein spießig restauriertes Schloss wäre, gäbe es da nicht noch das Jünger Haus. Der nächste, in der Nähe liegende größere Ort ist Sigmaringen.
Als ich vorhin, nach endlos langer Fahrt in Wilflingen angekommen bin, da habe ich mich gefragt, was ich mit dem Anblick dieses Ortes wohl anfangen könnte, wenn ich Landschaftsmaler wäre. Wahrscheinlich würde ich ein Bild malen, das den Titel „Schwäbische Tristesse“ bekäme. Bevor ich anfinge, das Bild zu malen, würde ich alle Farben meiner Farbpalette mit Grau und Braun durchmischen. Zu sehen auf dem Gemälde wäre dann die übliche dörfliche Trostlosigkeit. Uralte Bauernhäuser, versaut durch Siebzigerjahre Spießigkeit, die in den darauf folgenden beiden Jahrzehnten der Landflucht und des Höfesterbens völlig herunter gekommen ist.
In Beton gefasste Misthäufen, mit graubraunen Eternitplatten behängte Häuserfassaden. Es tropft und trieft, es gammelt und schimmelt. Auf jeder Einfahrt ein seit Jahren unbewegtes, korrodiertes landwirtschaftliches Gerät, das den Misthaufen flankiert. Die Höfe sind geteert, auf den moosigen Ziegeldächern wippen und tropfen verrostete Fernsehantennen, und unter einem blinden Fenster mit verrotteter, ehemals weißer Gardine, ist eine Satellitenschüssel angeschraubt, damit der Bauer nachts die Dauerwerbesendungen auf Pro7 angucken kann. Und das Wetter vollendet das Gemälde durch einen mauergrauen Wolkenschlierenhimmel. Könnte man ein Ölbild durch Gerüche und Töne ergänzen, dann röche dieses nach Kuh und durch die geschlossene Stalltüren würde man das Rasseln der Ketten und das Schmatzen des Viehs hören.
Hier also ging der grauhaarige Romancier, der preußische Kriegsrecke auch entlang. Was mag er sich gedacht haben? Was genau hat ihm gefallen, als er so wie ich jetzt, hier entlang ging? Vielleicht war es 1952 ja irgendwie romantisch hier oder, ich weiß nicht, urgermanisch?
Dann habe ich das ich das Schloss derer von Stauffenberg entdeckt. Frisch renoviert. Und direkt gegenüber vom Forsthaus. Und da stand auch schon Frau Miller.

Fortsetzung folgt!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Zu Gast bei Ernst Jünger, Teil 1: Wilflingen im Regen – ein Gemälde

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