Die Geschichte zum Lied: Erwachsen sein (2004)

Erwachsen zu sein ist okay. Es ist besser als ein Kind zu sein und es ist besser als ein Jugendlicher zu sein.
Als Kind hatte ich keine klare Vorstellung. Erwachsene waren älter als ich. Als Mann ging man zur Arbeit, als Fra war man Hausfrau. Man durfte Auto fahren. Oder Lehrerin sein. Das waren klare Kriterien. Aber vor allem erinnere mich sehr genau, dass es mir immer ein Rätsel war, wie die Erwachsenen Leben konnten, ohne zu spielen. Spielen war doch das einzig Wahre.
Aber vor allem: Die Erwachsenen waren die Bestimmer. Sie wissen alles. Sie konnten alles. Sie gaben einem zu Essen, sie kauften einem die Sachen, sie bestimmten das Fernsehprogramm und sagten, wann man schlafen sollte. Sie wussten auf magische Weise stets, was zu tun ist. Daran rüttelt man als Kind nicht. Die Rollen waren klar verteilt. Erwachsen sein hieß also alt sein, arbeiten, nicht mehr spielen, alles wissen und Bestimmer sein.
Als Jugendlicher war es schwieriger. Jetzt sollte man selber erwachsen sein. Aber in den Achtziger Jahren war erwachsen sein nicht gerade angesagt. Die Erwachsenen waren keine guten Vorbilder. Sie bauten Atomkraftwerke und Atomwaffen. Sie zwangen uns zur Schule zu gehen und Zeug zu lernen, das wir nicht lernen wollten. Und wozu, wenn eh der Atomkrieg kam?
Auch meine fernsehsüchtigen Eltern schieden als Vorbilder aus. Da saßen sie in ihrem plüschigen Wohnzimmer auf dem Sofa und schauten sich Sendungen mit volksdümmlicher Musik an. „Lustige Musikanten“ mit Carolin Reiber und Elmar Gunsch. Von fünf bis zehn saßen sie da und lächelten betäubt. Wenn das hier schon das Leben ist, dachte ich, was machen dann die Toten?
Gott sei Dank gab es auch noch eine andere Art Erwachsener. Nämlich Anya aus meiner Klasse. Alles, was Anya sagte oder tat, war derart erwachsen, dass es mich sprachlos machte. Sie war nämlich Punkerin. Das kam mir hochgradig vernünftig vor. Denn was anderes als „No Future“ und „kein Bock“ konnte die Antwort auf die ganzen Zukunftsspießer sein, als das? Radikal anders musste man sein. Das war der Punkt. Und der Punk. Das Leben sollte wild und frei sein.
Mit dreizehn hatte ich ein Erweckungserlebnis. Ich stand in Paris am Fenster meines Hotelzimmers und schaute auf die nächtlich schimmernde Großstadt. All die vielen Lichter. Die Lichter in den Fenstern, hinter denen all die Menschen ihr Leben lebten. Und die Autolichter. Autos, in denen Menschen saßen, die den Weg kannten und wussten, wo es lang ging. Die Straßenlaternen, die all die Menschen beleuchteten, die nur scheinbar wirr durcheinander gingen. Sie alle kannten ihren Weg. Sie brauchten nicht mehr zu denken. Sie waren erwachsen. Sie taten das, was zu tun war. Und so würde es sein, das Erwachsenenleben, dachte ich. Aus sich selbst heraus leuchtend vor innerer Erkenntnis. Es würde toll werden.
So wie bei meinem Vater, wenn er nicht „Lustige Musikanten“ guckte. Dann gab er mir das Gefühl, dass das, was ich mit ihm machte, das Richtige war. Und er wusste wie es geht. Dafür brauchte er keine Worte. Besonnen, wortkarg und konzentriert tat er, was er tat. Und man folgte ihm, weil man spürte, dass er das Gute und Richtige machte. Und so wollte ich auch sein. Ein Paris/Vater-Erwachsener. Aber inhaltlich eher so Anya mäßig.
Genau genommen erhoffte ich mir vom Erwachsen sein die Erlösung von meiner Unsicherheit und Erleuchtung statt Unwissen. Ich hoffte, komplett in der Welt aufgehen zu können. Ich wollte frei sein. Erwachsen sein = Freiheit. Das war meine Gleichung. Und mit dieser Erwartung stolperte ich in meine Jugend hinein.
Wenn man dagegen ist, orientiert man sich ja an dem, wogegen man ist. Das war eines der zehntausend Dinge, die ich in meiner Jugend nicht kapierte. Ich lernte wie verrückt, um alles zu wissen, was ein Erwachsener wissen musste. Verachtete aber die Lern-Streber. Ich gab mir unheimlich Mühe mit meiner Anti-Kleidung und meiner Anti-Frisur, verachtete aber die eitlen Popper. Ich verachtete die Hand-in-Hand-Pärchen und wollte unbedingt eine Freundin. Am Ende meiner Realschulzeit brach diese paradoxe Lebensphilosophie krachend über mir zusammen und erschlug mein bisschen Erwachsenen-Persönlichkeit.
Zwar schaffte ich den Wechsel auf das Gymnasium, hatte kurz eine Freundin und fand einen meiner Meinung nach uneitlen Kleidungs-Stil. Aber Freiheit? Die sah anders aus. Je mehr ich kapierte, desto mehr kapierte ich, dass ich nie kapieren würde.
Da begegnete mir das Bier. Eigentlich hatte Bier ein schlechtes Image. Es war ein Erwachsenengetränk. Aber die Toten Hosen gaben der ganzen Angelegenheit ein anderes Image: „Ja sind wir Wald hier? Wo bleibt unser Altbier?“ oder „Und die Jahre ziehen ins Land und wir trinken immer noch ohne Verstand, denn eins das wissen wir ganz genau, ohne Alk da wäre der Alltag zu grau…“. Genau so war es. Das Bier war toll. Mit jedem Schluck vergrößerte sich die innere Freiheit. Das Leben schimmerte und ich verschmolz mit dem Augenblick. So, fand ich, sollte es immer sein. Bier, so fand ich, war flüssige Transzendenz in grünen oder braunen Flaschen. Das kam mir erwachsen vor.
Bis zu meiner Begegnung mit dem Bier auf einem Kellerfest im Jahre 1988 hatte ich ein hervorragendes Gedächtnis. Ich erinnerte mich an jedes noch so unbedeutende Datum meiner Kindheit und Jugend. Nach dem Bier verschwimmt alles. Zeit wurde egal.
Letzten Endes wurde alles egal. Ich trieb durch das Abitur in die Bundeswehr hinein. Da wurde noch mehr gesoffen. Gleichzeitig wurde einem genau gesagt, was man zu tun hatte. Saufen, nicht denken müssen und trotzdem Geld zu verdienen – das kam mir entgegen. Und Bundeswehr kam mir sehr erwachsen vor.
Nach der Bundeswehr kam das Nichts. Mein „lost Weekend“. Ich setzte mich von allen ab. Soziale Kontakte wurden mir langsam zu schwierig. Am schlimmsten war die Frage: „Sag mal, was willst du jetzt eigentlich werden?“ Ich aber wollte nichts werden. Ich wollte sein, denn ich hatte inzwischen „Haben oder Sein“ von Erich Fromm gelesen. Irgendwie bekam ich dadurch einen intellektuellen Drive. Und das war doch irgendwie erwachsen, oder nicht?
Darum studierte ich. Aber mit Ziel. Lehrer. Ich führte ein eigenes Leben in Ravensburg. Geld verdiente ich mit Zeitungsartikeln. Im Grunde war das PH-Studium eine Art Regenerations-Sanatorium für gescheiterte Gymnasialexistenzen, eine Art Umschulungsmaßnahme für im Leben gestrandete Pseudointellektuelle. Wie mich. Dann kam ACH und die Hochschulzeitung. Alles wurde gut.
Erwachsen werden, so spürte ich jetzt, würde heißen, nie den Anspruch aufzugeben intellektuell zu sein. Erwachsen werden, das hatten mich das Studium und die Arbeit bei der Zeitung gelehrt, hieß aber auch Kompromisse machen. Kompromisse erhöhten ebenfalls die Freiheit.
Ich wurde Lehrer, ich wurde verbeamtet. Ich zog mit meiner Freundin zusammen, wir heirateten. Wir bekamen Kinder. Ohne Fernsehen und volksdümmliche Musik, aber mit vielen Suhrkamp-Büchern.
Und so blickte ich zurück im Jahr 2004. Ich fühlte mich, gemessen an meinen alten Ansprüchen an das Erwachsenenleben wie ein Hochstapler. Konnte ein derart phlegmatischer Dreißiger, der keine Ahnung von Versicherungen, Lohnsteuer und Telefonbilliganbieten hatte, sich tatsächlich „erwachsen“ nennen. Nur weil er Foucault gelesen hatte? Ich zweifelte. Aber ich war zu Hause. Und ich fühlte mich geborgen. Ich wusste wo ich hin gehörte. Und den ganzen Scheiß, den ich früher schon nicht gern gemacht hatte, den brauchte ich jetzt nicht mehr zu machen. Discos, Freundin, Punk, Saufen … der ganze Schrott war bedeutungslos. Dem Himmel sei dank war das vorbei! Ich hatte eigenes Geld und nicht zu knapp. Ich war mit meinem Leben zufrieden.
Gemessen an den Ansprüchen, die ich mit dreizehn an das Erwachsenenleben gehabt hatte, oder auch am Ende meines Studiums war das natürlich ziemlich bescheiden. Um nicht zusagen erbärmlich. Aber, so dachte ich, was soll’s! Man sollte, so dachte ich, das Leben das man führt und gut findet, nicht plötzlich erbärmlich finden, weil es den hebephrenen Ansprüchen eines dreizehnjährigen nicht genügt. Und so verabschiedete ich mich mit dem Lied „Erwachsen sein“ von meiner Utopie. Es war ein natürlich ein schmerzhafter Abschied. Aber das Bessere ist der Feind des Guten.
Erwachsen sein heißt nicht, perfekt zu sein. Man ist älter und erfahrener. Das war’s. Man ist vielleicht der Bestimmer, wenn man Glück hat.
Den Refrain hatte ich schon lange vor mich hingesummt. Hatte ihn in Konferenzen auch schon aufgeschrieben. Dann notierte ich ein paar Dinge, die ich jetzt gut fand und Dinge, die mich früher genervt hatten. Fertig war das Lied.
Das Lied nahmen wir im Frühling 2005 in Konstanz auf. Die Instrumente in der Wohnung der Lebensgefährtin meines Vaters, den Gesang und die Mundharmonika in einem kleinen Studio in der Schweiz. Arkus hatte seine Ausbildung zum Tontechniker beendet und keine Wohnung mehr in Konstanz. Aber Konstanz als Ort erschien uns trotzdem cool. Ennis spielte Bass, Laus die Gitarren, ich das Keyboard. Arkus bastelte das Schlagzeug für uns. Stark.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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