Die Geschichte zum Lied: Emotionaut (2002)

Eine Zeit lang war ich mal ein Emotionaut. Das kam so:
Laus hat mir zu meinem 30. Geburtstag einen Stapel Perry-Rhodan-Hefte geschenkt. Und eine CD mit durch Perry Rhodan inspirierte Lieder. Ich las die Hefte und war fasziniert von ihrer naiven Fortschritts-Gläubigkeit. In einigen Heftchen ging es um die „Gedankensteuerung“ von Raumschiffen. Dazu brauchten die Steuermänner so ein Ding auf dem Kopf, das ihr Gehirn anzapft. Das Ding liest dann die Gedanken des Steuermanns und überträgt sie auf das Raumschiff. Diese Steuermänner waren die „Emotionauten„. Weil sie mit ihren Emotionen das Raumschiff steuern.
Das Wort gefiel mir. Emotionaut. Allerdings asoziierte ich damit eher so etwas wie Counsellor Troi von „Raumschiff Enterprise“. Troi ist nämlich in der Lage, die Emtotionen von Lebewesen zu fühlen. Das Raumschiff Enterprise wird von irgendwelchen unbekannten Außerirdischen überfallen. Dann melden sie sich und reden mit Captain Picard. Und nachher sagt Picard zu Troi: „Was fühlen sie?“ Und sie sagt dann: „Ich spüre sehr viel Wut, aber auch Verunsicherung, ich denke, wir sollten sie zu erst einmal beruhigen.“
Sie ist total Einfühlsam. Eigentlich müsste sie dauernd total fertig mit den Nerven sein. Ich wäre es jedenfalls, wenn ich so einfühlsam wäre.
Jedenfalls wusste ich ziemlich schnell, dass ich ein Lied mit dem Refrain: „Ich bin ein Emotionaut“ schreiben muss. Und ich wusste auch, dass sich dieses Lied nach New Wave anhören sollte.
Im Magazin der Süddeutschen Zeitung hatte ich einen Artikel über die Verunsicherung der Männer gelesen. Er hieß „Wann ist ein Mann ein Mann?“ oder so ähnlich.
Und da erinnerte ich mich daran, wie es gewesen war, als ich 1994 „Die Kunst des Liebens“ und „Haben oder Sein“ von Erich Fromm gelesen hatte. Es waren die ersten „philosophischen“ Werke, die ich gelesen hatte. Und sie beeindruckten mich tief. Mein Blick auf die Welt veränderte sich. Ich spürte, dass ich mein Leben würde ändern müssen. Es ist ein bisschen peinlich, aber auf Erich Fromm war ich durch die Serie „Nicht von schlechten Eltern“ gekommen. Da schenkt der Lehrer der Tochter der Familie Schefer dieses Buch. Dann werden die beiden ein Paar. Lehrer und Schülerin. Hollaholla.
Im Nachhinein betrachtet verwandelte ich mich durch Erich Fromm vorübergehend in einen Emotionauten. Die seltsame Freundin, die ich damals hatte, war in ihren Ansprüchen an mich oft etwas maßlos. Darum hatten wir vor Erich Fromm oft Streit gehabt. Nach der Lektüre seiner Bücher war das vorbei. Ich versuchte alles zu verstehen. Alles. Ich war die Sanfmut in Person. Ich war ein Emotionaut in Troi’schem Sinne geworden. Ich war ein Held der Einfühlsamkeit geworden.
Und das verwandelte ich, jetzt, 8 Jahre später (und die seltsame Freundin längst im Beziehungs-Nirvana verschwunden), in einen Text, der als Duett konzipiert war.

Sie sagt:
„Ich bin jung ich bin elektrisch.
Du bist Musiker, du bist eklektisch.
Ich bin wild und ich bin frei.
Du bist alt und nur dabei.
Ich bin wild und atemlos.
Und du bist einfach nur asthmatisch.“

Ich sag: „Ich weiß was du meinst!“
Ich sag: „Ich kann dir da folgen!“
Denn ich bin Emotionaut, ich bin ein Emotionaut.“

Sie sagt:
„Ich hab dich geliebt, du warst so anders.
Heute hass ich dich, denn du bist nur seltsam.
Du liest Nietzsche, ach wie toll,
Philosophie ist was für Penner!
Du bist polytoxikomat,
Und ich bin promiskuitiv!“

Ich sag: „Ich weiß was du meinst!“
Ich sag: „Ich kann dir da folgen!“
Denn ich bin Emotionaut, ich bin ein Emotionaut.“

Ich hatte mir für die Teile, die mit „Sie sagt“ beginnen, vorgestellt, dass sie von einer Frauenstimme gesungen werden. Während ich den Refrain singen wollte.

Die Sache mit dem „du bist Musiker, du bist eklektisch“ hängt damit zusammen, dass ich damals der Meinung war, und es heute noch bin, dass sich keine neue Musik erschaffen lässt, sondern immer nur Variationen von etwas bereits Dagewesenem. Streng nach John Lennons Motto: „Nothing you can do, that can be done, nothing you can say, that isn’t said“
Für die Meldie gab es zwei Vorbilder. Erstens „Heroes“ von David Bowie. Der Basslauf von „Emotionaut“ ist der Basslauf aus „Heroes“. Und das Gitarreneinsprengsel im Refrain ist ebenfalls 1:1 aus „Heros“. Und meine Art zu singen bei der Aufnahme, soll sich ebenfalls so ähnlich anhören wie David Bowie in „Heroes“.

Das zweite Liedervorbild war „Helden von heute“ von Falco. Im Grunde ist das Falcos Version von „Heroes“. Aber – im Gegensatz zu vielem anderen, was heute von Falco als genial gilt – tatsächlich genial. Man merkt ihm das Vorbild an, aber es ist dennoch ein eigenständiges Lied. „Helden von heute“ war also Vorbild dafür, wie man „Heroes“ nachahmt, aber nicht einfach nachmacht.


Als wir uns bei unserem Produzenten Arkus in Konstanz trafen, um das Lied aufzunehmen, wusste ich ganz genau, wie es sich anhören sollte. Und so ähnlich hörte es sich im Endeffekt tatsächlich an. Die Rückwärtsgitarre ist eine Hommage an John Lennon, wegen des Eklektizismus-Dings und wegen der Rückwärtsgewandtheit des ganzen Projekts. Ich glaube die einzige Originalidee des Liedes ist die Gitarre die Laus spielt. Ennis spielte den Bass. Der Rest wurde von Arkus am Computer gebaut. Schlagzeug und so. Effekte.
Dass das Lied letztlich funktionierte, verdanken wir der Tontechnikerkunst von Arkus, in dessen winziger Zwei-Zimmer-Kellerwohnung wir aufnahmen. Er baute all die Schnipsel, die wir einspielten zu einem Playback zusammen, zu dem ich singen konnte.
Aus der Frauenstimme wurde nichts. Und so kam das Lied in der komplett von mir gesungenen Version auf unsere CD „Hobbypop“. Das finde ich immer noch schade. Aber das Leben ist wie es ist. Ich verstehe das. Ich bin nämlich ein Emotionaut. Gewesen.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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