Die Geschichte zum Lied: So normal (Winter 2000/2001)

Ich bin verheiratet. Ich habe Kinder. Ich wohne in einem Reihenhaus mit kleinem Garten. Ich fahre einen VW und als Zweitwagen einen kleinen Mercedes. Ich war so unauffällig in der Schule, dass sich die Lehrer heute nicht mehr an mich erinnern. Ich gehe zur Arbeit, ich komme nach Hause. Ich gucke fern. Das was alle anderen auch gucken. Ich bin bei facebook. Manchmal bin ich dicker, dann wieder dünner. Ich mag Pizza, ich mag Döner, ich mag sogar das Zeug von McDonalds. Aber auch Linsen und Spätzle. Ich fahre in Urlaub. Mein Musikgeschmack geht von Kraftwerk bis Bert Kaempfert. Aber nicht zu hart, nicht zu versponnen, nicht zu laut, nicht zu ekelig. Ich spiele ein bisschen Gitarre. Ich falle nicht auf. Ich wähle links-liberal. Ich habe es noch nie anders gemacht. Ich bin normal.
In Zeiten der narzistischen Epidemie ist das wahrscheinlich das Schlimmste, was einem widerfahren kann. Jetzt ist es aber so, dass ich es okay finde, normal zu sein. Und wenn ich es genau überlege, dann wäre ich sogar gerne noch ein bisschen normaler. Aber das habe ich mir in meiner auf popkulturelle Distinktionsgewinne zielenden Sozialisationsphase versaut. Da war eher Verachtung angesagt, für das, was alle anderen machen. „Du hörst Genesis“, zum Beispiel, „das hört ja jeder!“ Und das wird man dann als Erwachsener nicht mehr so richtig los. Darum bin ich beispielsweise kein Fußballfan. Die Bundesliga ist mir total egal. Ich kann nichts dagegen machen. Und das gibt natürlich Abzüge auf der Normalitätsskala. Schlimm. So büßt man für die Irrtümer der Jugendzeit.
Neulich habe ich den Film „Wir sind die Neuen“ angeguckt. Und da sagt der von Heiner Lauterbach gespielte Held einen schönen Satz, den ich mir gerne übers Bett hängen würde: „Veränderungen sind scheiße!“ So siehts aus. So bin ich. Nicht nur normal, sondern auch noch auf so eine altbackene Art normal. So wie in dieser Kaffeewerbung, früher. Da saßen immer eine schöne Frau und ein schöner Mann auf einem Kreuzfahrtschiff. Der Mann fragte die Frau, was sie sich wünschen würde, wenn sie einen Wunsch frei hätte. Die Frau nahm einen Schluck Kaffee und sagte dann: „Alles soll so bleiben wie es ist.“ Genau, hab ich dann immer gedacht. Und genau das würde ich der guten Fee auch sagen.
Aber jetzt mal zum Thema. 2002 wurde ich dreißig. Schon damals war klar: Ich würde weder Rockstar werden, noch ein berühmter Schriftsteller oder Philosoph. Schauspieler sowieso nicht. Also, mir war es klar. Anderen Menschen um mich herum war das vielleicht schon immer klar. Man weiß es nicht. Jedenfalls: Draußen schneite es und ich hielt für meine Gäste eine kleine Rede: „Eigentlich habe ich nicht erwartet, dass ich meinen dreißigsten Geburtstag erleben werde. Zumindest nicht so. Irgendwie habe ich immer gehofft, dass ich bis dahin berühmt bin und vielleicht in der Betty-Ford-Klinik, wo ich gerade einen Entzug mache.“ Aber Drogen habe ich nie vertragen. Weder Alkohol,noch Zigaretten. „Aber“, fuhr ich fort, „das war mir dann doch zu unsicher, ich wollte lieber geregelte Arbeitszeiten und ein sicheres Einkommen.“
So sprach ich und so meinte ich es auch. Ich bin nichts Besonderes. Jedenfalls nicht mehr oder weniger als jeder andere. Und wenn man sich so anguckt, was die „Stars“ mit ihrem Tingel-Tangel-Leben für arme Würste sind, dann ist das auch okay so. Star? Das will man eigentlich nicht sein. Letzten Endes landet man ja doch nur auf einer Südseeinsel in einem Glaskasten voller Kakerlaken und wird dabei gefilmt.
Am Tag nach meinem Geburtstag saß nachmittags im Sessel vor dem Fernseher, schaute Talkshows, aß Zitronenkuchen von Balsen und trank Kaffee. Und ich überlegte nicht, wie das wohl mal in der Verfilmung meines Lebens kommen würde. Ich saß da und tat es. Einfach so.
Später las ich ein Buch des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link. Es hieß „Versuch über den Normalismus„. Dieses Wahnsinnswerk zu lesen war alles andere als normal. Aber die Lektüre hat sich gelohnt. Denn danach wusste ich, dass normal sein, nichts mit Durchschnittlichkeit zu tun hat, sondern eine ziemlich flexible Angelegenheit ist. Hier mein Lieblingsbild aus dem Buch. „Protonormalistische Stigmagrenze“. So cool.
UnbenanntIch hatte jedenfalls viel über Normalität nachgedacht.
Als wir dann in Weingarten im Asta-Büro „Femme Fatal“ und „Probleme“ aufnahmen, musste ich dauernd an diese Situation denken. Zitronenkuchen. Aber auch an Jürgen Link. ACH führten erbitterte Diskussion darüber, was denn nun normal ist und was nicht. Ennis und Ichael eher so vom mathematisch-wissenschaftlichen Eck her, Laus eher so vom über-was-für-einen-Scheiß-redet-ihr-eigentlich-Standpunkt her, ich eher so vom Jürgen-Link’schen-Standpunkt aus.  Am Ende fanden wir, dass wir alle irgendwie recht hatten, aber auch irgendwie nicht und dass man es so einfach nun auch wieder nicht sagen könne, weil die Sache äußerst komplex sei. Und so. Was man halt so sagt, wenn man findet, dass man eigentlich recht hat, aber die anderen (=die Unwissenden) nicht verletzen will. Das nennt man dann Konsens, oder?
Währenddessen drehte unser Produzent Arkus, der sich an unserem Geschwafel nie beteiligte, das Lied einer anderen Band durch seinen digitalen Fleischwolf. Er probierte sein kompettes digitales Musik-Arsenal durch. Erschöpft von der Normalismus-Diskussion setzte ich mich daneben. Das war total cool. Und da hatte ich die Idee, dass ich daraus ein Lied machen wollte, das „So normal“ heißen sollte. Ich kritzelte die Textzeilen auf ein Flugblättchen und los gings. Der Text ist kein Meisterwerk. Klaus Kinsky sollte den Gegenpol markieren. Naja. Was einem halt so einfällt. Und mal nebenbei gesagt: Man muss es zugeben, die wirklich coolen Sachen wurden von lauter abnormalen Typen produziert. John Lennon oder Friedrich Nietzsche beispielsweise. Klaus Kinsky. Interessant ist das, aber man hätte nicht mit ihnen im Studentenwohnheim wohnen wollen. Wahrscheinlich waren sie ziemlich unerträgliche egozentrische Arschlöcher. Ziemlich sicher sogar. Und das sind wir von ACH alle nicht. Finde ich. Wir sind noch nicht mal cool, irgendwie. Wir sind normal. Darum passt das Lied gut zu uns.
Jedenfalls spielte ich noch ein bisschen Gitarre, die Arkus aber gleich wieder verhackschnitzelte und neu zusammen bastelte. Das meiste an diesem Lied, auch die Melodie, und der ganze wahnsinns Rhythmus, ist von Arkus. Weder Laus, noch Ennis waren beteiligt. Und da war schon klar, dass Arkus eigentlich der vierte Hobbypop-Mann ist. Man muss wissen, wem die Ehre gebührt.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Die Geschichte zum Lied: So normal (Winter 2000/2001)

  1. mollcusulle schreibt:

    Nicht schlecht! Text und Musik. Ja, „normal sein“ betreiben die meisten Menschen. Das zuzugeben ist aber gar nicht so einfach. Als Ärztin hab ich das große Privileg, hinter die Kulissen von tausenden von Theaterstücken bzw. Leben schauen zu dürfen. Und fast alle sind am Ende – normal. V. a. auch wir Ärzte selbst – keine George Clooneys oder so im Emergency Room … Mein Bruder und
    Ärztinnenehegatte behauptet sogar, es gäbe keine langweiligeren Menschen als Ärzte. Also wirklich – dabei dürfen wir bunte Jacken mit Reflektoren tragen und mit Blaulicht über 100 Sachen fahren. Allerdings – den meisten wird bei den Geschwindigkeiten einfach nur schlecht. Mir übrigens auch.

    • Ens Oeser schreibt:

      Aber George Clooney? Die bunten Notarztjacken finde ich auch super. Hatte als Kind einen Freund, dessen Vater Chefarzt im Krankenhaus war. Habe ihn immer nur schlafende erlebt. Lag auf dem Sofa und schnarchte. Blaues Hemd, weiße Unterhose. War irgendwie auch ernüchternd. Musste später, wenn ich mit ihm zu tun hatte immer an die Unterhosen und das Schnarchen denken. Trigema glaub ich. ABER: Die hatten eine Saune, eine Märklin-Bahn, eine Jagdflinte und eine Punker-Tochter im Gymnasium. Und eine Volvo. Insofern.

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