Bildung 21 – Der alte Mann und die Bildungspolitik

kopfbahnhof.cdr„Die Bildungspolitik ist das Stuttgart 21 von Grün-Rot“, sagt der verwitterte Kollege im Lehrerzimmer. Sein Gesicht zeigt keinerlei Gefühlsregung. Das hat er drauf. Er ist seit vierzig Jahren Lehrer. Dafür hat er eine Urkunde bekommen. „Die häng ich mir ins Klo“, hat er gesagt. Jetzt sitzen wir im Lehrerzimmer und er redet über Bildungspolitik. Den Regierungswechsel in Baden-Württemberg hält er für eine unglückliche Verkettung von Zufällen.
„Das hat sich die CDU so schön vorgestellt“, sagt er. „Komm, haben die gedacht, wir bauen in Stuttgart einen super neuen Bahnhof und dann sagen alle: „Ahhhh, ist das toll“. Aber dann ist das alles ein bisschen teuerer geworden. Und dann kamen die Alt-68er aus ihren Löchern gekrochen und konnten endlich, endlich wieder demonstrieren.“ Er macht eine kleine Denk-Pause. „Und dann ist tatsächlich das schwäbische Wunder geschehen: In Japan ist ein Atomkraftwerk explodiert, Moppel-Mappus mit seiner Manager-Matte wurde Ministerpräsident – ja, und Stuttgart 21 ist auch explodiert. Und, schwupp, war die CDU Opposition.“ Ich nicke. So war das damals.
Der verwitterte Kollege fährt fort: Die CDU habe sich bei der Bildungspolitik seit 1969 immer schon verhalten wie ein schlechter Vermieter. Er habe es ja erlebt. Mayer-Vorfelder und so. Statt das verwahrloste Haus zu renovieren, sei es einfach immer wieder neu angestrichen worden, mit möglichst billiger Farbe. Interessant sei allerdings, dass die Politiker nie zugeben würden, dass kein Geld für Bildung da sei. Wenn man einfach sagen würde, tut uns leid, wir haben kein Geld für Schulen, dann würde das ja vielleicht Wähler verprellen. Darum habe man den Sparmaßnahmen immer einen pädagogischen Anstrich verpasst und damit dafür gesorgt, dass diese „Wissenschaft“ auch dem letzten Idealisten ausgetrieben worden sei.
Und dann sei Grün-Rot gekommen. Ui, denke ich, er hebt die Hände von den Oberschenkeln, er gestikuliert, Wahnsinn. „Ein Ex-Lehrer wird Ministerpräsident!“, ruft der verwitterte Kollege und lacht sogar. So viel Ausdruck habe ich seit zwei Jahren nicht mehr an ihm wahrgenommen.
„Jetzt ist ja bekannt“, fährt er fort, „dass sowohl Grüne, als auch Sozialdemokraten zu den sogenannten Gutmenschen gehören. Sie glauben an „das Gute“. Als Opposition ist das okay. Aber in der Realität ist das schwierig. Die Gemeinschaftsschule zum Beispiel. Die gründet auf dem Gedanken, dass die nicht so guten Schüler, von den Guten lernen. Jetzt mal ehrlich: Sind das die Erinnerungen, die wir an unsere Schulzeit haben? Ist es das, was wir jeden Tag erleben? Die unfähigen Schläger bewundern das Mathe-Ass und setzen sich neben es, damit es ihnen erklärt, wie das geht. Im Gegenzug untersützen sie das Mathe-Ass beim Fußball?“ Er hebt die Augenbrauen. „Sowas gibt es nur in amerikanischen Sportlerfilmen und dämlichen Vorabendserien.“ Er ist auch Cineast, denke ich.
Solche Gedanken, sagt er, hätte die CDU nicht. Und dann sei gleich der nächste Fehler gekommen: „Wir vertrauen dem Urteil der Eltern und heben die verbindliche Grundschulempfehlung auf, haben sie gesagt. Damit haben sie das staatliche Bildungssystem krachend an die Wand gefahren.“ Er macht ein Krachgeräusch.
Irgendwo habe er gelesen, dass der Versuch Ungerechtigkeit zu bekämpfen, immer neue Ungerechtigkeit hervorbringe. „Die Eltern lieben ihre Kinder und wollen das Beste für sie“, sagt er, „darum darf jetzt der hirnfreie Schläger mit dem Mathe-Ass ins Gymnasium gehen.“ Jetzt habe der hirnfreie Schläger aber arme Eltern und das Mathe-Ass reiche. Und die Eltern vom Mathe-Ass wollten nicht, dass ihr Kind in die gleiche Schule gehe wie der Schläger. Also: Privatschule. „ Ausgerechnet die Grün-Roten haben die Selektion durch die Lehrer, also ihre Wähler, abgeschafft und sie Leuten überlassen, die abends beim Unterschichtsfernsehen Burger mampfen und tagsüber an ihrem überteuerten Smartphone rumspielen und bei WhatsApp über die Lehrer herziehen – aber ganz bestimmt nicht wählen gehen“, schimpft er matt. Ich verstecke schnell mein Smartphone. „Krach!“, ruft er und ahmt mit seinen Händen eine Explosion nach, „das ist das Fukushima der Grün-Roten, damit haben sie ihre Stammwähler alle auf einmal verprellt, nämlich uns, die Öko-Aristokraten, die Stuttgart-21-Protestler halt.“ Ich nicke und denke: Mich nicht. Aber ich sage es nicht. Käme der Stoch jetzt rein, er würde ihn lynchen. Da ist mir das zu gefährlich. „Die Bildungspolitik ist das Stuttgart 21 für Grün-Rot“, sagt er, steht auf und geht wieder in den Unterricht. Ein Mann wie ein Fels.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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